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Engelsfürst

Der Stellvertretende Direktor der Vatikanbank kommt einem ungeheuerlichen Skandal auf die Spur: Im Vatikan werden Gelder im großen Stil veruntreut, offenbar mit dem Segen eines vatikanischen Würdenträgers. Er vertraut sich der Journalistin Elena Vida an ? und wird kurz darauf ermordet aufgefunden. Elena gerät unter dringenden Tatverdacht. Weitere hohe Geistliche sterben auf unheimliche Weise: Sie verbrennen von innen heraus. Um Elena zu retten, nimmt sich Alexander Rosin, der ehemalige Schweizergardist, des Falles an ? und findet heraus, dass es um viel mehr geht als Geld: Fast alle Toten gehörten den sogenannten Engelssöhnen an, Nachfahren der Engel, zu denen auch der Papst zählt. Es scheint, dass der uralte Kampf zwischen Gut und Böse in eine neue Phase getreten ist ?

Leseprobe:

Als das Scheinwerferlicht über die maroden Klostermauern glitt, kroch Elena ein Schauer über den Rücken. Sie war erst einmal hiergewesen, vor eineinhalb Jahren, als sie an einem Artikel über verfallene Klöster und Kirchen rund um Rom arbeitete. Das war im Sommer gewesen, da hatte die hoch am Himmel stehende Sonne dem Ort alles Unheilvolle genommen. In dieser Sturmnacht jedoch verwünschte sie Picardi und seine Idee, sie ausgerechnet bei Sant?Anna zu treffen.

Sie ließ den Fiat langsam über den unebenen, vom Regen aufgeweichten Boden auf das Kloster zurollen und versuchte auszumachen, ob Picardi schon da war. Als sie niemanden entdecken konnte, stellte sie den Motor ab und schaltete die Scheinwerfer aus. Zum Glück hatte sie einen Schirm mitgenommen, den sie aufspannte, sobald sie die Fahrertür aufgestoßen hatte.

Schirm oder nicht, der Sturm fegte ihr eine kleine Gischt ins Gesicht. Elena griff nach der großen Stablampe, die auf dem Beifahrersitz lag, stieg vollends aus, schloß die Tür und sah sich um. Mitternacht war längst vorbei, aber von Picardi keine Spur. Sie rief mehrmals laut nach ihm, ohne jedoch eine Antwort zu erhalten.

Um nicht restlos durchnäßt zu werden, schritt sie auf die Ruinen zu. Vielleicht wartete Picardi in ihrem Schutz und hatte Elenas Rufe wegen des lauten Regens nicht gehört. Sie hatte das verwitterte Tor noch nicht ganz erreicht, als hinter ihr ein Motor aufheulte. Fast gleichzeitig flammten Scheinwerfer durch die Nacht.

Ein Wagen, der im Schatten eines Pinienhains gestanden hatte und dessen Umrisse sie nur undeutlich ausmachen konnte, setzte sich in Bewegung. Offenbar hatte Picardi dort gewartet und sich zunächst vergewissert, ob sie auch wirklich allein gekommen war. Ein typischer Fall von Verfolgungswahn, dachte Elena - oder Picardi hat schwerwiegende Gründe für seine Angst.

Der Wagen kam langsam näher und blieb neben Elenas Fiat stehen. Der Motor wurde abgestellt, die Scheinwerfer blendeten weiter. Als Fahrer- und Beifahrertür geöffnet wurden, fragte Elena sich, ob sie einen Fehler begangen hatte. Wenn Picardi so sehr auf Geheimhaltung bedacht war, weshalb brachte er dann jemanden mit?

Oder war das gar nicht Picardis Wagen?

Schlagartig machte sich Angst in Elena breit. Doch es war nicht das erste Mal, daß sie sich in einer brenzligen Situation befand, und es gelang ihr, die aufsteigende Panik unter Kontrolle zu halten.

"Wer sind Sie?" rief sie den Unbekannten entgegen und hoffte, daß das leichte Zittern ihrer Stimme nicht auffiel. "Nennen Sie bitte Ihre Namen!"

Keine Antwort. Stattdessen traten zwei nur schemenhaft erkennbare Gestalten auf sie zu, ohne jede Eile, wie Raubtiere, die sich ihrer Beute sicher sind.

Elena ließ den Schirm fallen, schaltete die Lampe aus, wandte sich in Richtung Kloster und lief los. Daß ihre Füße schnell durchnäßt und ihre Jeans bis zu den Knien mit Schlamm bespritzt waren, machte ihr am wenigsten Sorgen. Denn auch die beiden Unbekannten begannen zu laufen. Ihre Schritte verursachten häßliche Schmatzer auf dem schlammigen Boden.

Elena erreichte das Kloster zuerst und zwängte sich durch die Überreste des Portals. Ohne sich groß aufzuhalten, rannte sie quer über den Innenhof und tauchte in den Schatten eines größeren Gebäudes ein. Die dumpfe Luft jahrhundertelanger Verlassenheit umfing Elena, und ihre Schritte hallten in dem langen Gang wider. Sie kannte sich hier nicht aus, also lief sie einfach drauflos in der Hoffnung, ihre Verfolger in der Dunkelheit abschütteln zu können.

Eine Abzweigung und noch eine, schließlich gelangte sie in einen großen Raum voller Schutt. Sie stolperte, fiel hin und prallte mit dem rechten Knie gegen einen scharfkantigen Stein. Sie schluckte den Schmerzensschrei hinunter und widerstand der Versuchung, die Stablampe einzuschalten, um sich zu orientieren.

Der blasse, durch die Wolken getrübte Schimmer des Mondlichts, der durch die scheibenlose Fensteröffnung hereinfiel, reichte nicht aus, um die Umrisse des Raums auszuleuchten. Elena hockte auf dem Boden, starrte in die Finsternis und lauschte ihrem rasselnden Atem, der ihr verräterisch laut erschien. Draußen auf dem Gang war alles ruhig, und mit einer Spur von Erleichterung fragte sie sich, ob sie die beiden Unbekannten tatsächlich abgehängt hatte.

Kaum hatte sie das gedacht, hörte sie vorsichtige, leise Schritte. Ihre Rechte umkrampfte den metallenen Stab der schweren Lampe ? ihre einzige Waffe. Sie spannte sämtliche Muskeln an, bereit, jeden Augenblick aufzuspringen und aus dem Raum zu stürmen. Das Problem war nur, daß die einzige Türöffnung auf den Gang führte, durch den sie gekommen war und auf dem sich jetzt die Schritte näherten. Schon erschien eine schemenhafte Gestalt in der Tür.

Taschenbuch: Knaur 2006, 453 Seiten, ? 8,95

  

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