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Sherlock Holmes und der Mitternachtsvampir

Ein Bericht von Dr. John H. Watson
Mit dem November des Jahres 1895 hatte sich auch der gräßliche Nebel verabschiedet, der gegen Ende des Monats mit seinen dicken gelben Schwaden fast alles Leben im sonst so geschäftigen London erstickt hatte. Mein Freund Sherlock Holmes hatte kürzlich den Fall der Unterseeboot-Pläne, die auf rätselhafte Weise aus dem Woolwich Arsenal verschwunden waren, gelöst.1 Während dieser Zeit und in den lähmenden Nebeltagen hatte ich die Patienten, die mir nach der Aufgabe meiner Praxis in Kensington geblieben waren, sträflich vernachlässigt. Der heraufziehende Winter kündigte sich mit einer Unzahl von hustenden, schnupfenden und niesenden Menschen an, und ich war in den ersten Dezemberwochen von früh bis spät mit dem Kampf um die Gesundheit der mir Anvertrauten beschäftigt.
Als ich eines Abends erst zu weit fortgeschrittener Stunde in die Baker Street heimkehrte, bemerkte ich, noch auf der Straße und zu meinem Erstaunen, daß unser Wohnzimmer hell erleuchtet war. Offenbar war Holmes mit der Arbeit an seiner neuen Monographie über die mehrstimmigen Motetten von Lassus so gut vorangekommen, daß er jede Müdigkeit verdrängte. Wie so oft täuschte ich mich auch in dieser Schlußfolgerung. Nicht Orlando di Lassos choralähnliche Gesänge hielten den Detektiv vom Schlafen ab, sondern ein Besucher, der Holmes gegenübersaß und mit ihm erregt diskutierte. Der kleine Mann mit dem Nagetiergesicht war kein anderer als unser alter Bekannter von Scotland Yard, Inspektor Lestrade.
Holmes' markantes Antlitz wandte sich mir zu, und ich erspähte in seinen grauen Augen ein freudiges Aufleuchten. "Ah, Watson, Sie kommen wie bestellt. Bleiben Sie gleich in Hut und Mantel, die Zeit drängt!"
"Dann begleiten Sie mich also, Mr. Holmes", seufzte Lestrade erleichtert und stemmte sich aus dem Sessel. "Sehr gut, mit vereinten Kräften werden wir diesem perversen Mörder endlich das Handwerk legen!"
"Welchem Mörder?" fragte ich, während ich mich darauf einrichtete, in dieser Nacht keinen Schlaf zu finden.
Lestrade antwortete mit glühenden Augen: "Der Vampir hat wieder zugeschlagen."
"Der Mitternachtsvampir?"
Der Inspektor nickte bekümmert. "Ja, Dr. Watson, so nennen ihn die Zeitungen, weil er immer in der Stunde vor Mitternacht mordet. Dieser abstruse Fall ist für die Zeitungsschmierer ein gefundenes Fressen. Die Schlagzeilen über den Blutsauger haben sogar die Siam-Krise, König Menileks Abessinien-Offensive und den skandalösen Abriß des Oxford Theaters von den Titelseiten verdrängt."
"Alles Weitere in der Droschke!" bestimmte Holmes, während er seinen mausgrauen Schlafrock mit dem Ulster vertauschte. Er öffnete eine Schublade, nahm seinen Revolver heraus und wies mich an, mich ebenfalls zu bewaffnen. "Und vergessen Sie Ihre Arzttasche nicht, Watson!"
"Ich glaube nicht, daß sich der Mörder noch in der Nähe des Tatorts aufhält", meinte Lestrade. "Und für das Opfer kommt jede ärztliche Hilfe zu spät."
"Wir werden sehen." Holmes knurrte wie ein erregter Jagdhund kurz vor dem Stellen des Wildes.
Vor dem Haus, wo ein kalter Wind vereinzelte Schneeflocken vor sich her trieb, zückte Lestrade seine Droschenkenpfeife und ließ einen schrillen Pfiff durch die nächtliche Baker Street hallen. Ein Vierräder rollte heran, und der Mann von Scotland Yard nannte den Bestimmungsort: "Lambeth Street."
"Aber schnell!" fügte Holmes, zu dem Fahrer gewandt, hinzu. "Es wird Ihr Schaden nicht sein."
Mein Freund schien es noch eiliger zu haben als der Inspektor, der uns in der Droschke berichtete: "Vor einer halben Stunde wurde in der Lambeth Street das dritte Opfer des Vampirs gefunden. Ich fuhr gar nicht erst zum Tatort, sondern kam gleich zu Ihnen, Mr. Holmes. Sie sind der beste Mann für absonderliche Fälle."
Holmes bedankte sich bei Lestrade mit einem kurzen Nicken und sagte, mit einem hintergründigen Lächeln, zu mir: "Was der Inspektor meint, ist: Wenn die fünfzehntausend Mann von Scotland Yard nicht mehr ein und aus wissen, darf ein Privatschnüffler namens Sherlock Holmes für sie die Kastanien aus dem Feuer holen." Er unterdrückte Lestrades aufkeimenden Protest mit einer knappen Handbewegung und sagte: "Rekapitulieren Sie bitte die Details, Lestrade, chronologisch!"
Während der Vierräder in einem irren Tempo an den Gallerien und Bekleidungsgeschäften der Bond Street vorbeijagte, erstattete Lestrade seinen Bericht: "Vor drei Nächten schlug der Vampir zum ersten Mal zu. Kurz nach Mitternacht entdeckte ein Streckenwärter der London und Southwestern Railway an der Bahnlinie, in Höhe der Lambeth Road, die Leiche einer Frau. Eine gewisse Letitia Pigget aus der Lollard Street, die als Krankenschwester im St. Thomas Hospital arbeitete. Sie war auf dem Heimweg, als der Vampir über sie herfiel. Letzte Nacht geschah der zweite Mord, wieder in Lambeth. Ein Gregory Watford, als Wärter in der Bethlehem Irrenanstalt beschäftigt, wurde auf dem Weg zur Nachtschicht überfallen. Ein Lumpensammler fand die Leiche auf einem Hinterhof am Lambeth Walk, kurz nach Mitternacht."
"Der Mörder scheint mit dem dienenden Personal in Hospitälern und Verwahranstalten auf Kriegsfuß zu stehen", überlegte ich laut. "Eventuell ein ehemaliger Patient, der schlecht behandelt wurde und Rachegedanken hegt. Oder jemand, der mit der jüngsten Gesundheitsreform nicht einverstanden ist."
"Eine naheliegende Schlußfolgerung, Watson." Holmes deutete mit dem kurzen Stiel seiner frisch entzündeten Tonpfeife auf den Inspektor. "Aber wie ich an Lestrades Kopfschütteln erkenne, auch eine falsche."
"Leider", brummte Lestrade. "Es wäre mir lieber gewesen, wir hätten keinen Kollegen verloren."
"Ein Kollege von Ihnen, Inspektor?" Holmes riß die Augen auf und beugte sich vor, daß er aussah wie ein Raubvogel im Sturzflug. "Das verleiht dem Fall tatsächlich einen ganz neuen Aspekt."
"In der Tat", stimmte ich zu. "Wir wissen jetzt, daß der Mörder es nicht auf das Pflegepersonal in Heilanstalten abgesehen hat."
"Das ist nicht der Punkt, Watson", übertönte die scharfe Stimme meines Freundes das Rattern der Droschkenräder auf dem groben Pflaster der Whitcomb Street. "Daß der Täter sich an einem Polizisten vergreift, steigert seine Gefährlichkeit!"
"Es ist ein junger Konstabler, eine von den zusätzlichen Nachtstreifen, die wir nach dem zweiten Vampirmord in Lambeth eingesetzt haben", erklärte Lestrade.
Holmes lehnte sich wieder auf dem zerschlissenen Polster der Sitzbank zurück, wirkte aber weiterhin höchst angespannt. "Weist seine Leiche dieselben Merkmale auf wie die beiden anderen, Inspektor?"
"Exakt dieselben. Der Mörder zerfetzt seinen Opfern Kleidung und Haut. Überall befinden sich Würgemale, und am Hals klafft eine tiefe Wunde. Was aber das Schrecklichste ist, den Toten fehlt das Blut, ausgesaugt bis auf den letzten Tropfen. Wer tut so etwas?" Lestrade blickte uns fragend an.
"Vampire", sagte ich ein wenig kleinlaut, weil ich mir der Lächerlichkeit dieser Antwort bewußt war.
"Wandelnde Leichname, die man nur durch einen ins Herz gerammten Holzpfahl zur Strecke bringen kann", schnaubte Holmes unwillig. "So ein Unsinn, das sind Märchen für unartige Kinder!"
"Ich glaube auch nicht daran", sagte Lestrade. "Nach meiner Theorie will der Mörder durch das Aussaugen des Blutes nur wie ein Vampir erscheinen."
Holmes zog die Augenbrauen hoch. "Ach ja, wie interessant, und warum?"
"Um von seiner wahren Identität abzulenken, natürlich."
"Da hätte er sich aber eine sehr aufwendige Methode ausgesucht."
Lestrade legte die Stirn in Falten. "Sie halten meine Theorie nicht für akzeptabel, Mr. Holmes?"
"Sie ist so wenig akzeptabel und ebenso lächerlich wie die von Dr. Watson", sagte Holmes streng.
Der Inspektor blickte ihn verärgert an. "Haben Sie eine bessere Theorie, Sir?"
"Man sollte nicht theoretisieren, ohne alle Fakten zu kennen."
"Weichen Sie doch nicht mit Ihren üblichen Phrasen aus, Mr. Holmes! Sie kennen die Fakten."
"Die lassen nur einen Schluß zu", sagte Holmes ruhig. "Der Mörder saugt den Opfern ihr Blut aus, weil er es braucht. Sonst würde er nicht so gründlich vorgehen, bis auf den letzten Tropfen, wie Sie selber sagen."
"Und wozu braucht er es?" schnappte Lestrade wie ein wütender Köter.
Holmes lächelte dünn, stieß eine Rauchwolke aus und erwiderte: "Wenn wir das wissen, haben wir auch den Mörder."
Wir überquerten die Themse auf der Lambeth Bridge. Der Fundort der dritten Leiche lag am Südrand des Archbishop's Park. Konstabler, die wegen des heftiger werdenden Schneetreibens die Kragen hochgeschlagen und Pelerinen umgehängt hatten, riegelten den Platz ab. Ihre Gesichter waren grimmig, versteinert. Ein Mord war für sie zwar schlimm, aber alltäglich. Der Mord an einem Kollegen jedoch war verwerflich, verdammungswürdig. Noch dazu bei einer Tat, die auf so scheußliche Weise ausgeführt war.
Selbst ich als erfahrener Arzt zuckte zurück, als zwei Konstabler die Plane wegzogen, mit der man den Toten zum Schutz gegen die Witterung zugedeckt hatte. Der ermordete Konstabler war ein junger, kräftiger Mann mit der Figur eines Boxers, gewiß nicht einfach zu überwältigen. Was von ihm übrig war, erweckte einen ebenso ekel- wie mitleiderregenden Eindruck. Seine Uniform war zerrissen, geradezu zerfetzt. Wo man die bloße Haut sah, war sie mit dünnen, roten Striemen bedeckt.
"Würgemale", erklärte der Polizeiarzt, der den Toten untersucht hatte. "Wie von fest angezogenen Stricken. Vermutlich hat der Mörder den Konstabler zusammengeschnürt, um ihm in Ruhe das Blut auszusaugen."
"Wirklich?" Holmes drehte sich zu mir um. "Was sagen Sie dazu, Dr. Watson?"
Ich beugte mich über den Toten und betrachtete die Striemen aus der Nähe. Auf Lestrades Geheiß sorgte ein uniformierter Sergeant mit seiner Blendlaterne für ausreichend Licht.
"Die Striemen sind zu glatt für Stricke. Ich kann keine Spuren von einzelnen Fasersträngen entdecken, auch keine Faserreste."
"Scheint mir auch so", meinte Holmes und wandte sich der großen Wunde am Hals zu. "Hier ist die Haut regelrecht ausgefranst, wie vom rohen Biß eines Tieres."
"Wirklich ein grauenhafter Anblick", sagte Lestrade. "Aber ich glaube, das Schlimmste ist die blutleere Bleiche der Haut. Wie eine Wachsfigur bei Madame Tussaud's. Nun, Mr. Holmes, welches Vorgehen schlagen Sie vor?"
"Das Übliche", antwortete mein Freund knapp. "Spuren sichern, mögliche Tatzeugen vernehmen und so weiter. Das ganze Programm eben, Inspektor."
"Ja, selbstverständlich. Aber was unternehmen Sie, Holmes?"
"Ich werde in Ruhe über den Fall nachdenken. Dazu braucht es mehr als die Zeit einer guten Pfeife." Holmes klopfe die Shagpfeife aus und steckte sie in eine Manteltasche. "Wir halten uns gegenseitig auf dem laufenden, ja, Inspektor? Und jetzt kommen Sie, Watson, es ist schon spät."
Von Lestrades überraschten und enttäuschten Blicken verfolgt, zerrte Holmes mich in die Nacht hinein. Schnellen Schrittes marschierten wir in Richtung der Bahngleise, bis die Polizisten und ihr ermordeter Kollege nicht mehr zu sehen waren.
Ich war nicht minder verwirrt als der Inspektor und bat Holmes um eine Erklärung seines rüden Verhaltens. "Zumindest der Respekt vor dem Toten hätte verlangt, daß wir uns am Tatort ein wenig länger umtun."
"D'accord, Watson, vorausgesetzt, die Zeit hätte es erlaubt. Aber Mitternacht ist längst vorüber, und ich finde das betreffende Haus nicht." Seine Augen suchten die Häuserfassaden ab, die von den Straßenlaternen der Finsternis entrissen wurden. "Ich fürchte, wir kommen zu spät zu unserer Verabredung."
"Ich weiß nichts von einer Verabredung."
"Dann lesen Sie das, Watson. Ein Bote brachte es, kurz bevor Lestrade in der Baker Street erschien. Der Bote war viel zu spät dran, und wir sind es auch."
Er reichte mir zwei kurze Briefe mit unterschiedlicher Handschrift, der eine unverkennbar von männlicher, der andere von weiblicher Hand und in zittriger Schrift verfaßt. Obenauf lag der undatierte Brief des Mannes:

Sherlock Holmes, Esq., Baker Street 221 B
Hochverehrter Mr. Holmes, wenn Sie diese Zeilen erhalten, befinde ich mich in höchster Gefahr. Vielleicht bin ich auch schon tot. Zumindest aber in einer Lage, in der ich mir nicht selbst helfen kann. Ob Ihnen das möglich sein wird, weiß ich nicht. Aber Sie sind der einzige, der es schaffen könnte, mich unter die Zeitgenossen zurückzuholen.
Ihr sehr ergebener, alter "Bertie"

"Bertie!" rief ich aus und erinnerte mich an den jungen Mann, der uns bei der Jagd auf Bauron Maupertuis und sein teuflisches Ungeheuer unschätzbare Dienste geleistet hatte.2
"Lange nichts von ihm gehört, seit damals nicht", sagte Holmes.
"Gehört nicht, aber gelesen. Er hat seinen Wunsch, ein Journalist zu werden, weiterverfolgt. Hat sogar schon ein paar Bücher veröffentlicht."
"Das will nichts heißen", erwiderte Holmes mit einer wegwerfenden Handbewegung und einem schrägen Seitenblick auf mich. "Lesen Sie den zweiten Brief, Doktor!"

Sehr geschätzter Mr. Holmes!
Mein Mann hat immer in den höchsten Tönen von Ihnen und Ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten gesprochen. Und er sagte mir, ich solle mich mit beiliegendem Schreiben an Sie wenden, falls ihm einmal etwas Unerwartetes zustoßen oder er gar vom Erdboden verschwinden würde. Letzteres geschah vor fünf Nächten. Bertie ging zurück ins Haus, um seinen Regenschirm zu holen, kehrte aber nicht zurück. Als ich nach ihm suchte, war er verschwunden. Und im Haus spukt es seitdem. Bitte kommen Sie eine Stunde vor Mitternacht zu mir!
Ihre verzweifelte Amy Catherine Wells
Lambeth, Archbishop's Walk, Crimson House

"Was für seltsame Briefe!" meinte ich und gab sie Holmes zurück. "Diese Frau, offenbar Berties Angetraute, scheint etwas wirr im Kopf zu sein. Und unser alter Freund Wells nicht minder, meint er doch, wir könnten ihn wieder zum Leben erwecken wie ..." Ein plötzlicher Gedanke ließ mich den Satz abbrechen.
"Was haben Sie, Watson?"
"Wie ein Vampir, der seinem Grab entsteigt, wollte ich sagen."
"Wells spricht nicht von den Lebenden, sondern von den Zeitgenossen, das ist ein wichtiger Unterschied. Aber mit Ihrem Hinweis auf den Vampir liegen Sie wohl richtig, alter Freund."
"Vermuten Sie einen Zusammenhang zwischen den Briefen und den Vampirmorden?" fragte ich.
"Selbstverständlich. Vor fünf Nächten ist Wells verschwunden, und vor drei Nächten geschah der erste Mord. Alle drei Morde ereigneten sich in der Nähe des Archbishop's Walk. Ah, da ist die Straße ja schon, zwischen dem Park und der Bahnlinie. Ziemlich abgeschieden. Und da, das von blutroten Kletterrosen bis zum Dach umrankte Gebäude, das abseits von den anderen Häusern halb im Wald steht, muß Crimson House sein."
"Oder auch nicht", murmelte ich, als wir vor dem Eingang des langgestreckten, ein wenig baufällig wirkenden Hauses standen. "An der Tür steht nur ein Name: J. Phillimore."
"Daß Namen Schall und Rauch sind, hat schon Goethe festgestellt."
Holmes streckte die Hand nach der Klingelschnur aus. Gerade als er läuten wollte, hallte ein markerschütternder Schrei durch Crimson House. Der Schrei einer Frau, entsetzt, zu Tode erschrocken. Begleitet wurde er von einem Blitzen aus dem hinteren Teil des Hauses, wie ein Gewitter, das seltsamerweise nicht in der Troposphäre stattfand, sondern in den Mauern dieses Gebäudes.
"Schnell, Watson, nach hinten", schrie Holmes, zog seinen Revolver aus der Manteltasche und lief um das Haus herum.
Ich folgte ihm, zückte ebenfalls meine Waffe und fragte: "Wie kommen wir hinein?"
Zerborstene Fensterscheiben in dem rückwärtigen Anbau waren die Antwort. Es blitzte nicht länger. Finsternis und eine seltsame Stille lagen jenseits der zerbrochenen Fenster. Wir zwängten uns durch eine der Lücken, die von scharfen Glaszacken umgeben waren, einem Raubtiergebiß ähnlich. Holmes riß ein Zündholz an. Die Flamme flackerte im starken Windzug und tauchte den Raum in ein geisterhaftes Rot. Der Raum schien leer, wie eine nicht benutzte Vorratskammer. Bis wir im verlöschenden Licht der kleinen Flamme in einer Ecke eine Gestalt erblickten, die reglos am Boden lag.
Ein zweites Zündholz enthüllte, daß es sich um eine junge Frau handelte, die offensichtlich ohne Bewußtsein war. Oder tot? Ich beugte mich über sie, fühlte ihr Herz und ihren Puls schlagen, spürte den Hauch ihres Atems.
"Sie lebt, Holmes. Aber hier ist nicht der rechte Ort für sie, sich zu erholen. In diesem Haus muß es doch wohnlichere Räume geben."
"Gut, Watson, schaffen wir Mrs. Wells aus diesem zugigen Schuppen."
"Wie kommen Sie darauf, daß es sich bei der jungen Dame um die Absenderin des Briefes handelt?"
Mit einem dritten Zündholz beleuchtete Holmes die Frau aus der Nähe. "Beachten Sie die Tintenflecke an den Fingern, Watson, vom selben tiefen Schwarz wie die Tinte auf dem Brief. Daß die Verfasserin beim Schreiben sehr erregt war, geht aus dem Inhalt und aus der unsicheren Schrift hervor."
Holmes und ich trugen die Frau durch einen mit zahlreichen Apparaten und einem großen Arbeitstisch ausgestatteten Werkraum ins eigentliche Wohnhaus, das zwar spärlich, aber durchaus wohnlich möbliert war. Allerdings enthüllte das hier brennende Gaslicht, daß seit mehreren Tagen nicht geputzt worden war.
Wir legten die Frau auf das Kanapee in der Mitte des Wohnzimmers, und das Riechsalz aus meiner Arzttasche riß sie aus der Bewußtlosigkeit. Holmes sprach sie mit "Mrs. Wells?" an, und sie bejahte das mit brüchiger Stimme. Mein Freund erlaubte sich einen kurzen Augenblick des inneren Triumphes, wie ich an seiner befriedigten Miene erkannte. Wir nannten unsere Namen, und das sorgenumwölkte Gesicht der jungen Frau, dessen natürliche Schönheit durch die Schatten von Furcht und Schlaflosigkeit beeinträchtigt wurde, hellte sich ein wenig auf.
"Sie kommen zu spät", sagte sie. "Der Spuk ist vorüber, jedenfalls für diese Nacht."
"Sie meinen die Blitze, die wir gesehen haben?"
"Ja, Mr. Holmes."
"Und warum Ihr Schrei? Weshalb fielen Sie in Ohnmacht, Mrs. Wells?"
"Im grellen Licht der Blitze sah ich diese schreckliche Gestalt. O Gott, wie gräßlich!" Sie schlug die Hände vor die Augen, als könne sie ihre Erinnerung auf diese Art auslöschen.
"Was haben Sie gesehen?" drang Holmes unerbittlich in sie.
"Ein Wesen ohne Arme und Beine. Es besaß noch nicht einmal einen richtigen Leib. Nur einen großen Kopf und diese seltsamen Arme."
"Eben sagten Sie noch, es habe keine Arme gehabt."
"Keine wie ein Mensch. An den Enden saßen keine Hände. Die Arme liefen spitz aus wie die von ... von Tintenfischen."
Holmes wandte sich mir zu und sagte leise: "Erinnern Sie sich an die seltsamen Würgemale, die der Polizeiarzt für Spuren von Stricken hielt, Watson!"
Er goß Wasser aus einer Karaffe in ein Glas, brachte es Mrs. Wells und bat sie, uns die ganze Geschichte von Anfang an zu erzählen.
"Bertie und ich mieteten dieses Haus, weil wir es in unserer alten Wohnung in Sevenoaks nicht länger aushielten. Unsere Vermieterin überschüttete uns mit Vorwürfen, seit sie herausgefunden hatte, daß wir ..." Errötend brach sie mitten im Satz ab.
"Daß Sie und Master Wells bis zu Ihrer Vermählung in Sünde zusammenlebten", half Holmes ihr aus und war, wie ich fand, nicht gerade taktvoll.
"Ja, so war es. Wir mußten leider lange mit der Heirat warten, bis Berties Scheidung von Isabel durch war", seufzte sie. "Und danach verfolgte seine erste Frau uns auch noch mit Haß und Eifersucht. Hier, in Crimson House, lebten wir ungestört, und Bertie hatte Platz und Ruhe, seine Maschine zu bauen."
"Wohnt kein Vermieter im Haus?" erkundigte ich mich.
"Nein, Doktor."
"Wer ist dann J. Phillimore?"
"Um nicht weiter von Isabel gestört zu werden, gab Bertie bei der Anmietung des Hauses einen falschen Namen an, James Phillimore."
"Aber das war doch klar, Watson", fuhr Holmes ungeduldig dazwischen. "Kommen wir wieder auf den Punkt. Was hat es mit dieser Maschine auf sich, Madam?"
"Bertie war in letzter Zeit wie besessen davon, sie zu bauen. Er interessiert sich sehr für die Naturwissenschaften und war der Meinung, die Lösung gefunden zu haben."
Holmes beugte sich gespannt vor. "Für welches Problem?"
"Um eine Maschine zu bauen, die funktioniert."
"Was für eine Maschine?"
Nicht Mrs. Wells, sondern ich beantwortete Holmes' letzte Frage: "Die Zeitmaschine."
Mrs. Wells nickte, und Holmes sah uns an wie Idioten. "Wie kommen Sie darauf, Watson?"
"Ich habe Master Wells' gleichnamigen Roman gelesen, der vor kurzem bei Heinemann veröffentlicht wurde. Würden Sie die unterhaltende Literatur nicht derart verschmähen, Holmes, wären Sie darüber unterrichtet, daß dem Buch großer Erfolg beschieden ist. Es geht um eine Maschine, mit der man ganz nach Belieben in Vergangenheit und Zukunft reisen kann."
"Mit solch dummen Phantastereien gebe ich mich nicht ab", versetzte Holmes kurz angebunden.
"Es sind nicht nur Phantastereien", sagte Mrs. Wells. "Berties Roman basiert auf ernsthaften Forschungen zu diesem Thema, mit denen er schon vor einigen Jahren begonnen hat. Den Roman schrieb er, um mit dem Honorar die Fortsetzung seiner Forschungen zu finanzieren. Und jetzt glaubte er, seine Überlegungen in der Praxis beweisen zu können. Hier, in diesem Haus, hat er die Zeitmaschine gebaut. Sie stand in dem rückwärtigen Raum, in dem Sie mich gefunden haben."
"Unglaublich!" entfuhr es Holmes.
"Nein gar nicht, wenn man eines Ihrer eigenen Axiome anwendet Holmes", wandte ich ein. "Wenn man das Unmögliche ausschließt, muß das, was übrigbleit, so unwahrscheinlich es auch erscheinen mag, das Richtige sein. So sagen Sie doch immer, nicht wahr?"
"Und was hilft uns das in diesem Fall weiter?" Holmes klang wenig begeistert.
"Das werden wir gleich sehen", imitierte ich den Tonfall, den mein Freund bei seinen Ermittlungen hören ließ. "Mrs. Wells, berichten Sie uns bitte von dem Verschwinden Ihres Mannes!"
"Wir wollten, wie es unsere Gewohnheit ist, einen spätabendlichen Spaziergang durch den Park unternehmen. Kaum waren wir ins Freie getreten, setzte leichter Regen ein. Bertie ging zurück ins Haus, um seinen Schirm zu holen. Aber er kam nicht wieder heraus. Er muß ins Labor gegangen sein, denn plötzlich war es von diesen unheimlichen Blitzen erfüllt. Auch ich lief ins Haus und suchte nach ihm. Der hintere Raum war leer, die Fenster zerborsten. Bertie war verschwunden, und mit ihm die Zeitmaschine."
"Wohl kaum durch eines der zerbrochenen Fenster", meinte ich.
Mrs. Wells schüttelte den Kopf. "Die Maschine ist viel zu groß. Ein Mann kann bequem in ihr Platz nehmen."
"Ein Zeitreisender!" stieß ich erregt hervor und dachte an die wundervollen Möglichkeiten, die eine Zeitmaschine der Menschheit bot. "Er kann zusehen, wie Wellington bei Waterloo siegt. Er kann Shakespeare besuchen oder Jesus Christus!"
"Und wenn er Pech hat, wird er mit Christus ans Kreuz geschlagen", brummte Holmes, seltsam mißmutig. "Oder an seiner Stelle."
Ich blickte ihn zweifelnd an. "Meine Beweisführung scheint Sie nicht zu überzeugen, Holmes."
"Doch, das tut sie. Sie haben mich mit meinen eigenen Waffen geschlagen, Watson. Und gerade das betrübt mich. O nein, es ist nicht verletzte Eitelkeit. Der Gedanke, wohin, in welche Zeit Wells geraten ist, erfüllt mich mit Sorge. Die Vergangenheit scheint es nicht zu sein."
"Die Zukunft!" Ich schnippte mit den Fingern. "Ganz wie der Zeitreisende in seinem Roman. Eine Zukunft, in der es blutsaugende Tintenfische gibt, Mißgeburten der Evolution." Die Erkenntnis erfüllte mich mit Übelkeit. Mir war auf einmal schwindlig, und ich nahm in einem stockfleckigen Sessel Platz, ohne von Mrs. Wells dazu aufgefordert worden zu sein.
"Noch dazu unsichtbare Tintenfische", sagte die Dame des Hauses.
"Un-sicht-ba-re?" wiederholte Holmes und betonte dabei jede Silbe.
"Den Eindruck hatte ich. Bertie hat mich angewiesen, mich unter allen Umständen vom Labortrakt fernzuhalten, falls er die Zeitreise tatsächlich einmal antreten sollte. Er sagte, andernfalls könne ich möglicherweise in große Gefahr geraten. Sollte er nach mehreren Tagen nicht zurück sein, sollte ich Mr. Holmes informieren. Aber als Sie, Mr. Holmes, heute nacht nicht kamen und ich in dieser Nacht häufiger als zuvor schrille, unmenschliche Schreie hörte, während Blitze durch das Haus zuckten, hielt ich es nicht länger aus. Ich verließ mein Zimmer und schlich ins Labor. Es schien leer. Aber ich wußte, daß etwas da war, als läge es in der Luft. Also kauerte ich mich in eine Ecke und wartete. Dann hörte ich Geräusche, die nur ganz entfernt an Schritte erinnerten; es klang mehr wie ein Schlurfen. Glas klirrte leise, als jemand oder etwas durch eine der zersprungenen Scheiben in den Raum kam. Doch ich sah nichts. Nicht wegen der nächtlichen Dunkelheit, Mond und Sterne scheinen hell genug. Nein, es war ungeheuerlich: Ich spürte, daß sich irgendein Wesen mit mir in dem Raum aufhielt, doch zu sehen war nichts. Es blitzte, und im ersten Augenblick waren meine Augen geblendet. Als ich mich an die gleißende Helligkeit gewöhnte, sah ich die Zeitmaschine. Oder zumindest ihre undeutlichen Umrisse, die sich weigerten, feste Konturen anzunehmen. Die Maschine hatte wohl die ganze Zeit über, unsichtbar, vor mir gestanden. In ihr hockte jemand, Bertie, wie ich glaubte. Aber dann sah ich auf dem Sattel das unheimliche Wesen ..."
"Den Mitternachtsvampir!" rief ich aus.
Mrs. Wells starrte mich aus aufgerissenen Augen an. "Glauben Sie wirklich, daß jenes Wesen die schrecklichen Morde begangen hat?"
"Zweifellos", antwortete Holmes an meiner Stelle.
Mrs. Wells schien einer neuen Ohnmacht nahe. "Dann gibt es keine Hoffnung für Bertie! Ich glaubte ihn bislang in der Zeit verschollen, was schwer genug wiegt. Aber nun bin ich sicher, daß er tot ist." Ein Beben lief durch ihren zarten Körper, aber sie war tapfer genug, ihre Tränen zurückzuhalten.
"Sie sollten die Hoffnung nicht verlieren", versuchte ich sie zu trösten. "Inspektor Lestrade würde sagen: Solange ich keine Leiche sehe, glaube ich nicht an einen Mord."
"Ein wahres Wort, Watson", fand Holmes. "Mrs. Wells, wie oft haben Sie diese unmenschlichen Schreie gehört und die Blitze gesehen?"
"In jeder Nacht, seitdem Bertie verschwand."
"Wann genau zuckten die Blitze durchs Haus?"
"Etwa eine Stunde vor Mitternacht und dann noch einmal fünfzehn Minuten später."
"In jeder Nacht zur selben Zeit?"
"Ja, aber heute noch öfter. Eine Stunde nach dem zweiten Blitzen trat es erneut auf. Da ging ich ins Labor und versteckte mich."
"Müßte das nicht einen zweiten Mord zur Folge gehabt haben, Holmes?"
"Nicht unbedingt, Watson. Vergessen Sie nicht, daß der Vampir bereits gesättigt war. Außerdem hat er nicht in jeder Nacht zugeschlagen. Die Morde sind entweder nicht sein Hauptantrieb, oder er hat in der kurzen Zeit, die ihm zwischen Auftauchen und Verschwinden der Zeitmaschine zur Verfügung stand, nicht immer geeignete Opfer gefunden."
Mrs. Wells' Blick schien in weite Ferne gerichtet. "Ob ich Bertie jemals wiedersehe?"
In fast väterliche Geste legte Holmes sanft eine Hand auf ihre Schulter. "Falls es noch eine Hoffnung für Master Wells gibt, führt der Weg zu ihm über den Vampir und die Zeitmaschine, derer sich das unheimliche Wesen bemächtigt hat. Doch in dieser Nacht können wir nichts mehr tun. Morgen abend, das verspreche ich Ihnen, Madam, werden Dr. Watson und ich früh genug hier sein, um Ihnen beizustehen. Halten Sie es bis dahin in diesem Haus aus?"
"Ja", sagte sie mit fester Stimme. "Für Bertie halte ich alles aus."
Wir verabschiedeten uns von ihr, und auf der Lambeth Road blies Holmes zweimal in seine Droschkenpfeife.
"Fahren wir zum Yard, um Unterstützung für morgen abend anzufordern?" fragte ich, als ein leichter Hansom heranrollte.
"Das dürfte wenig Sinn haben", erwiderte Holmes kopfschüttelnd. "Oder glauben Sie ernsthaft, Watson, daß Lestrade sich darauf einläßt, einen zeitreisenden Tintenfisch zu jagen?"

*

Den ganzen folgenden Tag über hörten wir nichts von Inspektor Lestrade. In den Zeitungen, die groß über den dritten Mord des Mitternachtsvampirs berichteten, wurde er mit der Bemerkung zitiert, selbst Sherlock Holmes habe ratlos vor der Leiche gestanden und nichts zur Aufklärung des Falles beitragen können. Ich hatte sämtliche Patientenbesuche abgesagt, um nichts zu versäumen. Holmes war den Vormittag über unterwegs, um Besorgungen zu machen, wie er sich ausdrückte. Ich stand am Fenster und sah zu, wie der nächtens gefallene Schnee schmolz.
Während ich aufgeregt auf den Abend wartete, saß mein Freund den Nachmittag über scheinbar gelassen inmitten seines Pfeifenqualms und las ein Buch, das er sich von mir ausgeliehen hatte: Die Zeitmaschine von H.G. Wells. Ich hörte seine gemurmelten Kommentare: "Erstaunlich! - Phantastisch! - Ungeheuerlich! - Jetzt übertreibt er aber!"
"Und, Holmes, glauben Sie nun an die Möglichkeit der Zeitreise?" fragte ich, als er das Buch aus der Hand legte.
"Nein", antwortete er zu meiner Überraschung. "Zu viele Faktoren sprechen dagegen. Man kann es schon durch logische Überlegungen ausschließen. Denken Sie nur an einen Mann, der eine Zeitmaschine erfindet, damit in die Vergangenheit reist und sein jüngeres Alter ego umbringt. Er hätte also niemals die Zeitmaschine bauen können. Aber dann hätte er sich auch nicht umbringen können."
"Das ist mir jetzt zu hoch", bekannte ich.
"Denken Sie darüber nach, Watson."
"Hm, wie auch immer, wenn Wells nicht in der Zeit verschollen ist, wo sonst?"
"Das ist eine Eigenschaft, die ich an Ihnen besonders schätze, Doktor: Ihre scheinbar unschuldigen Fragen treffen immer wieder den Kern des Problems."
Während ich noch darüber nachdachte, ob ich Holmes' letzte Bemerkung für ein Kompliment oder das Gegenteil halten sollte, sprang mein Freund auf, um seine Vorbereitungen für unsere nächtliche Exkursion zu treffen.
Die Abendglocken hatten noch nicht zehn geschlagen, da standen wir vor Crimson House, und Holmes zog energisch an der Klingelschnur. Hinter der Tür fragte eine vorsichtige Stimme, wer da sei.
"Dr. Watson und Sherlock Holmes", antwortete mein Freund, und eine sichtlich erleichterte Mrs. Wells öffnete die Tür. "Haben Sie jemand anderes erwartet?"
Sie warf einen unsicheren Blick nach draußen. "Ich weiß nicht. Jemand treibt sich hier herum und schleicht ums Haus, den ganzen Abend schon."
"Der Vampir?" fragte ich und spürte, wie mein Blut in Wallung geriet.
"Für den ist es noch zu früh", sagte Holmes im sachlichen Ton.
"Nein, es ist ein Mann, eine düstere, bärtige Gestalt." Mrs. Wells streckte unvermutet den Arm aus und zeigte durch den Türspalt. "Da, dort hinten am Rande des Parks ist er wieder! Er steht im Wald und beobachtet das Haus."
Holmes schob schnell die Tür zu und sagte: "Er scheint vom hinteren Teil des Gebäudes zu kommen, dann hat er unsere Ankunft nicht bemerkt. Die beste Voraussetzung, ihn in eine Falle zu locken." Er erläuterte uns seinen Plan.
Kurz darauf öffnete Mrs. Wells die Haustür und trat hinaus auf den nächtlichen Archbishop's Walk. Sie blickte die Straße entlang, als erwarte sie jemanden. Holmes und ich hatten das Haus durch die zerbrochenen Fenster des Labors verlassen und schlichen uns im Schatten der Büsche und Bäume nach vorn.
"Da ist er", machte Holmes mich im Flüsterton auf den Unbekannten aufmerksam, der sich aus dem Schattenriß des Waldes löste und sich von hinten, von ihr scheinbar unbemerkt, auf Mrs. Wells zubewegte. Der Mann war von athletischer Gestalt, nicht mehr ganz jung. Ein üppiger schwarzer Bart verlieh dem kantigen Gesicht einen verwegenen Anstrich.
Wir hatten uns dem Fremden lautlos genähert. Er stand ganz dicht hinter Mrs. Wells und streckte seine Hände nach ihr aus. Der Wind bauschte seinen dunklen Mantel auf wie die Flügel eines riesigen Vogels oder einer übergroßen Fledermaus.
"Jetzt, Watson, auf ihn!" rief Holmes.
Wir fielen über den Bärtigen her und rissen ihn zu Boden, gerade noch rechtzeitig, bevor er Mrs. Wells etwas antun konnte. Er war kräftig und wehrte sich mit Stößen und Tritten. Als das nichts half, zog er etwas aus seinem Mantel - eine Waffe.
"Vorsicht, Holmes, er hat ein Messer!" stieß ich erschrocken hervor und packte den Waffenarm des Fremden mit beiden Händen.
Holmes drückte die Mündung seines Webley-Revolvers gegen die kräftige Stirn des Fremden und spannte den Hahn. "Schluß jetzt!" schnarrte mein Freund. "Wir haben keine Zeit für weitere Mätzchen."
Der rücklings am Boden liegende Mann erstarrte, und ich entwand seiner Hand die Waffe.
"Es ist gar kein Messer, sondern ein unten zugespitzter Holzpflock", erkannte ich. "Diese Waffe benutzt man gegen ..."
"Gegen Vampire", fiel mir der Fremde mit einem deutlichen irischen Akzent ins Wort. "Aber da bin ich bei Ihnen wohl an der falschen Adresse, Gentlemen."
"Sie glauben an Vampire?" fragte ich.
"Nein, aber ich wollte auf alles vorbereitet sein."
Holmes steckte den Revolver ein und löste sich von dem Mann, offenbar in der Ansicht, von ihm sei nichts weiter zu befürchten. Also ließ auch ich ihn los.
"Gehen wir ins Haus", sagte Holmes im Befehlston. "Wenn uns ein Passant sieht, könnte er auf sonderbare Gedanken kommen. Ach, und Watson, geben Sie dem Herrn ruhig seinen Holzpflock zurück. Vielleicht braucht er ihn noch."
Der Fremde klopfte den Schmutz von seinem Mantel und begleitete uns widerstandslos ins Haus, wo Holmes uns vorstellte und ihn fragte, was er von Mrs. Wells wolle.
"Ich interessiere mich für den Mitternachtsvampir und wollte die junge Dame ein wenig ausfragen. Ich habe mich in Lambeth umgehört und herausgefunden, daß es in diesem Haus seit einigen Nächten nicht mit rechten Dingen zugeht. Die Nachbarn murmelten etwas von einem mitternächtlichen Spuk. Da lag für mich die Verbindung zu dem Vampir nahe."
"Ihre Ermittlungen sind erfolgreicher gewesen als die von Scotland Yard", sagte Holmes mit offener Anerkennung. "Warum interessieren Sie sich für den Mitternachtsvampir?"
"Ich schreibe über Vampire."
"Ein Journalist also", stellte ich fest.
"Dieser Herr ist kein Journalist", entgegnete Holmes. "Er ist zwar schlau, aber das Recherchieren nicht gewohnt. Sonst hätte er sich bei der Annäherung an Mrs. Wells nicht derart ungeschickt angestellt."
"Sie haben recht, Mr. Holmes. Ich arbeite am Theater."
"Ein Theaterstück über Vampire?" fragte ich.
"Nein, es soll ein Roman werden. Ich bin zwar am Lyceum Theater für Henry Irving tätig, aber weniger als Autor, mehr als eine Art Privatsekretär. Dieser Vampirroman ist eine Liebhaberei von mir. Deshalb interessiere ich mich für alles, was mit Vampiren zu tun hat."
Holmes sagte: "Ich glaube, Sie haben sich etwas zu weit vorgewagt, Mister ..."
"Stoker", stellte sich der Bärtige vor. "Bram Stoker."
"Dies hier ist keine literarische Fiktion, Mr. Stoker, kein Phantasiespiel, sondern gefährliche Wirklichkeit", sagte Holmes im ernsten Ton. "Am besten, Sie kehren heim und vergessen alles, was Sie gesehen und gehört haben."
"Das werde ich garantiert nicht tun", sagte Stoker. "Ich glaube, ich bin einem echten Vampir niemals so nah gewesen wie jetzt. Die Anwesenheit des berühmten Sherlock Holmes in diesem Haus beweist es. Und da soll ich mich zurückziehen? Auf keinen Fall!"
"Ihre Standhaftigkeit ehrt Sie, Sir, aber Sie setzten Ihr Leben aufs Spiel."
"Sie Ihres dann auch, Mr. Holmes, und ebenfalls das der jungen Dame und das Dr. Watsons. Ein Grund mehr für mich zu bleiben. Es gibt wohl niemanden in London, vielleicht in ganz England, der soviel über Vampire weiß wie ich. Seit fünf Jahren verwende ich jede freie Minute auf die Erforschung dieser seltsamen Wesen. Vielleicht kann ich Ihnen mit meinem Wissen nützlich sein."
Holmes stimmte ihm zu und unterrichtete ihn über das, was wir wußten.
"Von Vampiren, die wie Tintenfische aussehen, habe ich noch nie gehört", gestand Stoker freimütig und fuhr nachdenklich mit der Hand durch seinen Bart. "Hoffentlich muß ich nicht meinen ganzen Roman umschreiben!"
"Darüber können Sie sich später Gedanken machen", sagte Holmes. "Jetzt müssen wir unsere Vorkehrungen treffen, um den Vampir zu fangen."
"Wie?" fragte Stoker.
"Womit fängt man Fische?" entgegnete Holmes. "Mit einem Netz."
Er wies Mrs. Wells an, sich in ihrem Zimmer einzuschließen, aber sie bestand darauf, mit uns ins Labor zu kommen. "Es geht doch um Bertie!"

*

Ohne vorherige Ankündigung wurde der leere Hinterraum des Labors von Blitzen erfüllt, es war etwa eine Stunde vor Mitternacht. Als die Blitze schwächer wurden, erkannten wir die Umrisse der Zeitmaschine. Aber nur undeutlich, wie aus Glas, als gehörten sie nicht in diese Welt. Auch nur schwach zeichnete sich der Sattel ab, auf dem der vielarmige Krake hockte. Er stieß hohe, schrille Schreie aus, vielleicht weil die Reise mit der Maschine ihm Schmerzen verursachte. Holmes zog an der Reißleine und löste die Netzfalle aus. Wir hatten sie über der Mitte des Raumes aufgestellt, wo, nach Mrs. Wells' Aussage und den Abdrücken auf dem Boden zu urteilen, die Zeitmaschine gestanden hatte.
Das Netz fiel auf den Tintenfisch, und wir zogen das seltsame Wesen von der Maschine. Seine Konturen verblaßten. Nur noch die Ausbuchtungen im Netz zeugten von seiner Anwesenheit. Und die schrillen Laute, die unsere Ohren schmerzen ließen, jetzt wohl Schreie der Angst und der Wut.
"Die Farbe, Watson!"
Augenblicklich führte ich Holmes' Befehl aus und übergoß das Fangnetz mit einem Eimer hellroter Farbe. Ich bewunderte die Weitsicht meines Freundes, als die sich ausbreitende Farbe den Mitternachtsvampir sichtbar machte. Er sah genauso aus, wie Mrs. Wells ihn beschrieben hatte. Kopf und Körper waren eins, eine runde Masse von etwa vier Fuß Durchmesser. Auf der einen Seite zeichnete sich ein Gesicht ab. Statt Nase und Mund gab es einen fleischigen Schnabel, mit dem der Vampir seinen Opfern wohl die blutige Halswunde beibrachte, um ihnen das Blut auszusaugen. Um den Mund entsprossen die dünnen, an Peitschen erinnernden Tentakel, acht an jeder Seite, in Büscheln zu je vier geordnet. So zart sie auch wirkten, besaßen sie eine ungeheure Kraft. Sie zuckten hin und her, und schon rissen die ersten Maschen des Netzes.
"Damit habe ich nicht gerechnet", stöhnte Holmes. "Wir müssen die Bestie unschädlich machen!"
Holmes und ich zogen unsere Revolver, aber der Vampir erkannte mit seinen beiden großen, dunklen Augen unsere Absicht. Zwei Tentakel schossen vor und rissen die Waffen mit brutaler Gewalt aus unseren Händen.
Mrs. Wells stieß einen spitzen Schrei aus und stürzte zu Boden. Ein Tentakel hielt ihren rechten Fuß umschlungen und zog sie zu dem Krakenwesen.
"Der Vampir will sie als Geisel benutzen!" erkannte Holmes.
Im selben Augenblick sprang Bram Stoker vor, zückte seinen Holzpfahl und stürzte sich auf das grauenhafte Wesen. Die Tentakel des Ungeheuers umschlangen ihn und rissen ihn, wie zuvor Mrs. Wells, von den Füßen.
Während Holmes und ich noch nach unseren Revolvern suchten, erlahmten die wild zuckenden Tentakel. Der rotgefärbte Krake war auf einmal reglos. Stoker entwand sich seinem Griff, half Mrs. Wells auf und starrte auf den unförmigen Kopfleib, in dem der Holzpflock steckte.
"Ich muß das Herz getroffen haben", murmelte er andächtig. "Es wirkt also doch!"
"Wenn Sie mit einem Holzpfahl das Herz eines Lebewesens durchbohren, wirkt das immer, nicht nur bei Vampiren", meinte Holmes. Er steckte den Revolver ein und schwang sich auf den Sattel der undeutlich sichtbaren Zeitmaschine.
"Wollen Sie es wirklich wagen, Holmes?" fragte ich zweifelnd, von Angst um meinen Freund erfüllt.
"Nur so können wir herausfinden, was mit Master Wells geschehen ist, ob und wie wir ihm helfen können.
Nach etwa zehn Minuten blitzte es wieder im Crimson House. Die Zeitmaschine löste sich gleichsam im Nichts auf, und mit ihr Sherlock Holmes.
Da geschah etwas Seltsames: Der Krake nahm auch dort Gestalt an, wo die Farbe seinen widernatürlichen Leib nicht bedeckte. Holmes war unwirklich und das Monster an seiner Stelle Wirklichkeit geworden. Nach meiner Ansicht kein guter Tausch.
Stoker und ich trugen das reglose Wesen in den Nebenraum, wo wir es auf den großen Arbeitstisch legten, den Wells zum Bau seiner Maschine benutzt hatte. Ich konnte bei dem Vampir kein Lebenszeichen feststellen und begann mit der Obduktion. Diesmal befolgte Mrs. Wells den Rat und verließ den Raum.
Der vampirkundige Theatermann hatte tatsächlich das Herz des Kraken durchbohrt, mochte er es auch nur zufällig getroffen haben. Ich fand Lungen, eine trommelfellähnliche Fläche - das Ohr - und ein großes Gehirn. Das war, abgesehen von Nervensträngen und Adern, auch schon so gut wie alles. Von Verdauungswerkzeugen, von Eingeweiden keine Spur.
"Wie ist das zu erklären?" fragte ein perplexer Bram Stoker.
"Gerade das ist die Erklärung", sagte ich. "Dieser Vampir muß nichts verdauen, weil er nichts ißt. Er benötigt nur Blut, das er anderen Wesen aussaugt und geradewegs in seine Adern einführt."
Ein schrecklicher Gedanke. Wäre ich kein Arzt gewesen, ich hätte den Verstand verlieren können. Ich bewunderte Stoker, der mir so unerschütterlich beistand.
"Grotesk", fand er. "Ein wahrhaft groteskes Wesen, aber für einen guten Roman entschieden zu unromantisch."
Bevor ich mich auf einen literarischen Disput mit Stoker einlassen konnte, blitzte es erneut im Nebenraum. Wir stürzten durch die angelehnte Tür und erkannten die kaum sichtbaren Umrisse der teuflischen Maschine. Diesmal hockte kein Tentakelwesen auf dem Sattel. Zwei menschliche Schemen lösten sich von der Maschine und wurden sofort unsichtbar.
Ich zuckte zusammen, als ich dicht an meinem Ohr eine Stimme vernahm: "Die Sprengladung, Watson, rasch, bevor es Wells und mich für immer in jene traurige Welt verschlägt!"
"Holmes!" stieß ich hervor.
In mir widerstritten die Gefühle, und ich vermag nicht zu sagen, welches überwog, die Freude über Holmes' Rückkehr - von woher auch immer - oder das Erschrecken darüber, daß ich zwar seine Stimme hören, seine Berührung an meiner Schulter spüren, ihn selbst aber nicht sehen konnte. Er war vollkommen unsichtbar, ein Phantom.
"Watson, vernichten Sie in Gottes Namen diese wahnsinnige Erfindung!"
Kaum hatte die Stimme meines Freundes den Ruf ausgestoßen, schwang die Tür zum Nebenraum ein gutes Stück weit auf, wie von Geisterhand bewegt. Augenscheinlich hatte Holmes sich und seinen Begleiter, bei dem es sich um Herbert George Wells handeln mußte, in Sicherheit gebracht.
"Hier, Doktor!" Stoker brachte mir die drei Dynamitstangen, die Holmes am Vormittag besorgt hatte.
Widerwillig näherte ich mich den schemenhaften Umrissen der unheimlichen Zeitmaschine und hielt eine Zündholzflamme an die Zündschnur. Ich ließ den Sprengsatz in die Maschine fallen und stürzte zurück. Stoker und ich liefen aus dem Raum und warfen hinter uns die Tür zu.
"Auf den Fußboden, Holmes!" schrie ich, während Stoker und ich Deckung suchten.
Ich fiel auf etwas Weiches und hörte ein schweres Stöhnen: "Genau da bin ich schon, Watson."
Und wieder ereignete sich in den Mauern von Crimson House ein Gewitter. Schlimmer als das Blitzen war der ohrenbetäubende Donner. Die Tür wurde aus ihren Angeln gerissen, und Rauchwolken fluteten unseren Raum.
Als sie sich allmählich verzogen, blieb mein Herz fast stehen. Ich sah Sherlock Holmes und seinen Begleiter, einen jungen Mann, in dem ich trotz des Schnauzbarts, den er jetzt trug, unseren alten Mitstreiter Wells erkannte. Ich erblickte die beiden Männer, und doch wirkten sie wie Gespenster, wie eine Fata Morgana, die jeden Augenblick zu verblassen drohte. Ihre Körper, eben noch gut sichtbar, verschwammen plötzlich. Ich sah ihre Knochen und inneren Organe durchscheinen. Dann nahmen Holmes und Wells wieder festere Gestalt an - und endlich hatten sie sich entschieden, zu unserer Welt zu gehören.
Gleichwohl befanden sich beide in einem erbärmlichen Zustand, besonders der junge Wells. Bleich und abgemagert, von zahlreichen Wunden übersät, mit zerschlissener, verdreckter Kleidung und in den Augen das blanke Entsetzen, wirkte er wie jemand, der sich in der Hölle befunden hatte und dem Teufel gerade noch einmal von der Schippe gesprungen war.
Und genauso war es. Das erfuhren Stoker, Mrs. Wells und ich, nachdem die von den Nachbarn alarmierte Polizei, angeführt von Inspektor Lestrade, das von der Explosion verwüstete Haus gestürmt hatte. Anfangs wollte der gute Inspektor uns angesichts unserer Erzählung von dem tentakelbewährten Ungeheuer in die nahegelegene Bethlehem Irrenanstalt einweisen lassen. Bis wir ihn in den Raum mit dem sezierten Monster führten.
"Grundgütiger!" entfuhr es dem entsetzten Lestrade. "Das Ding ist ja noch widerwärtiger als damals die Riesenratte dieses irrsinnigen Barons!"3
"Vielleicht", sagte Holmes. "Jedenfalls wenn man bedenkt, daß es ein ganzes Volk solcher monströser Blutsauger gibt, das sich die Menschheit untertan gemacht hat. Zum Glück nicht die Menschheit dieser Welt."
"Einer zukünftigen?" fragte Stoker interessiert und blickte durch die zerstörte Tür zu den Trümmern der Zeitmaschine.
Wells schüttelte traurig den Kopf. "Es hat nicht funktioniert. Als ich vor einigen Tagen zurück ins Haus ging, um meinen Regenschirm zu holen, hatte ich plötzlich eine Erleuchtung. Der entscheidende Gedanke, um den letzten Schliff an meine Zeitmaschine zu legen. Ich geriet in fieberhafte Erregung und vergaß sogar Jane, die draußen auf mich wartete."
"Jane?" fragte ich.
"Mein Kosename für Catherine." Wells lächelte seine Frau an. "Nun, ich ging ins Labor, denn es bedurfte nur eines Handgriffs. Und da konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, die Maschine gleich auszuprobieren. Ich ahnte nicht, daß ich in der anderen Welt gefangengenommen werden würde."
"Von wem?" wollte ich wissen. "Wo zum Teufel haben Sie gesteckt, wenn nicht in einer anderen Zeit?"
"Vielleicht ist es ein Schutzmechanismus, den der Erschaffer unseres Universums, wer immer er sein mag, eingebaut hat. Mag sein, er hat die Gefahren erkannt, die eine Reise durch die Zeit mit sich bringt. Jedenfalls bewegte ich mich kein bißchen durch die Zeit und auch nicht durch den Raum, aber durch die Dimensionen."
"Durch welche?" fragte Stoker.
Wells zuckte mit den Achseln. "Wer weiß, wie viele es gibt. Unzählige vielleicht. Ich geriet in eine Welt, die neben unserer existiert, im gleichen Raum, zur gleichen Zeit, und die doch nicht für uns wahrnehmbar ist. Eine Welt, in der die Menschen des Empires und wohl auch die aller anderen Nationen von diesen schrecklichen Wesen unterjocht sind. Sie halten die Menschen wie Vieh und ernähren sich von ihrem Blut. In meiner sogenannten Zeitmaschine erkannten sie die Chance, auch andere Welten in anderen Dimensionen zu erobern."
Lestrade zeigte auf den sezierten Leib. "Dann war dieses Wesen eine Art Kundschafter?"
"So kann man es bezeichnen", bestätigte Holmes. "Die Dimensionsverwerfung sorgte dafür, daß der Vampir in unserer Welt unsichtbar blieb, solange Wells' Maschine die Brücke schlug. So konnte er sich ungesehen draußen fortbewegen, um sich seine Opfer zu suchen."
"Warum tat er das?" fragte ich.
"Vielleicht gehörte es zu seinem Auftrag, das Blut der Menschen unserer Welt zu testen", antwortete Holmes. "Vielleicht hat es ihm auch einfach nur geschmeckt."
"Und warum immer um Mitternacht?" fragte Lestrade.
Wells gab die Antwort: "Ich weigerte mich, diesen Ungeheuern meine Maschine zu erklären. Aber ich hatte eine Sicherheitsschaltung eingebaut, für den Fall, daß ich bei der Zeitreise ohnmächtig werden sollte. Nach jeweils vierundzwanzig Stunden kehrte die Maschine für eine Viertelstunde in ihre Ausgangswelt zurück. Nur letzte Nacht gelang diesem Wesen ein eigener, zweiter Versuch."
Holmes sagte: "Genau das hatte ich aus dem regelmäßigen Auftauchen der Maschine, dem Spuk von Crimson House, geschlußfolgert. Deshalb konnte ich in die andere Dimension gelangen und Master Wells, der uns dann mit seiner Maschine zurückbrachte, befreien. Es war nicht leicht." Er klappte die Trommel seines Revolvers herunter und zeigte uns, daß alle Patronen abgefeuert waren.
"Fein, Sie haben ein paar dieser Bestien zur Hölle geschickt", knurrte der Inspektor.
"Nein, ich habe auf Menschen geschossen", erwiderte Holmes mit leiser Stimme. "Auf Kollaborateure, die den Ungeheuern als Polizei dienen. Sozusagen auf Ihre Kollegen, Lestrade."
Der Inspektor sah ein wenig indigniert drein.
Ich fragte: "Waren Sie und Wells in jener anderen Welt sichtbar, Holmes?"
"Ja, Watson. Wohl deshalb, weil auch die Maschine dort ganz Gestalt annahm. Nur in unserer Welt war ihre Anwesenheit aufgrund der Sicherheitsschaltung vorübergehend und instabil - und somit auch die Anwesenheit der mit ihr Reisenden."
"Aber woher kommen diese seltsamen Blutsauger?" fragte Stoker. "Aus den Tiefen des Meeres?"
"Aus denen des Weltalls, so sagte man mir", berichtete Wells. "Einige der menschlichen Wachen, mit denen ich sprach, meinten, der Heimatplanet der Ungeheuer sei der Mars. Aber niemand wußte es genau."
"Der Mars", murmelte Mrs. Wells und legte den Kopf in den Nacken, als könne sie durch Zimmerdecke und Hausdach direkt zu den Sternen hinaufsehen. "Ob der Mars unserer Welt auch von ihnen bewohnt wird?"
"Hoffen wir es nicht!" brummte Lestrade.
"Schwer zu sagen", meinte Wells. "Es mag Dimensionen geben, in denen diese Ungeheuer existieren, und andere, die von ihnen zum Glück verschont bleiben. Vielleicht gibt es Welten, in denen die Menschen die Invasion abgewehrt haben oder in denen die Monster an der Grippe gestorben sind."
"Wieso an der Grippe?" fragte Stoker.
"Nur so ein Gedanke", antwortete Wells. "Wenn sie von einem fremden Planeten stammen, könnten ihnen die Abwehrkräfte gegen unsere Bazillen fehlen."
"In der Welt, in der man Sie gefangenhielt, Wells, war es offenbar nicht so", meinte ich.
"Dafür kann es einige Gründe geben, zum Beispiel ..."
"Hokupokus!" fiel Lestrade Wells in die Rede. "Für solches Spekulieren fehlt uns die Zeit. Wir sollten das tote Monster wegschaffen, bevor es hier von Zeitungschmierern wimmelt. Kein Wort von dieser Ungeheuerlichkeit darf an die Öffentlichkeit gelangen. Ich bin sicher, Whitehall wird diese Entscheidung stützen. Das bedeutet ..."
"Master Wells und ich wissen schon Bescheid", seufzte ich. "Keine Veröffentlichungen über diese Ereignisse."
"Genau, schreiben Sie über andere Fälle, Dr. Watson. Mr. Holmes löst doch dauernd die kniffligsten Probleme." Lestrade wandte sich an Wells. "Und Sie sollten, statt mit solchen absonderlichen Maschinen zu experimentieren, lieber Romane schreiben, junger Mann!"
Wells grinste verschlagen. "Das werde ich tun. Ich habe auch schon ein paar gute Ideen. Die letzten Tage waren sehr inspirierend. Außerdem ist das Haus durch die Explosion ziemlich ramponiert. Sieht ganz so aus, als müsse ich mich in nächster Zeit mit der Suche nach einer neuen Bleibe beschäftigen."
"Und ich kann diesen Tentakelvampir in meinem Roman sowieso nicht unterbringen", meinte Stoker. "Er paßt nicht in mein Konzept, leider. Mein Vampir ist von ganz anderer Gestalt."
"Was machen wir mit den Morden?" erkundigte sich Lestrade. "Wen präsentieren wir der Öffentlichkeit als Mörder?"
Holmes warf einen kurzen Blick auf Wells und sagte: "Nehmen wir doch Mr. James Phillimore aus Crimson House, einen Geistesgestörten, der seine Schandtaten nicht länger ausgehalten und sich deshalb in die Luft gesprengt hat."
In Lestrades Augen blitzte es auf. "Mr. Holmes, Sie sind ein Genie!"4
Holmes schüttelte den Kopf. "Diese Bezeichnung trifft eher auf Orlando di Lasso zu, dessen Motetten ich mich jetzt hoffentlich wieder ungestört widmen kann."

1 Conan Doyle hat Watsons diesbezüglichen Bericht unter dem Titel Die Bruce-Partington-Pläne veröffentlicht.
2 Dieser Fall, in Buchform herausgegeben von Jörg Kastner, erschien 1997 im Verlag Thomas Tilsner unter dem Titel Sherlock Holmes und der Schrecken von Sumatra.
3 Näheres über die sonderbare Riesenratte erfährt der Leser ebenfalls in Watsons Bericht Sherlock Holmes und der Schrecken von Sumatra.
4 Was den Fall "Phillimore" betrifft, konnte sich Dr. Watson Lestrades Ansicht und Holmes' Vorschlag offensichtlich nicht anschließen. In seinem von Conan Doyle herausgegebenen Bericht Die Thor-Brücke zählt er das Ereignis um den verschwundenen James Phillimore zu den Fällen, die selbst Sherlock Holmes nicht lösen konnte.

Š 1998 by Jörg Kastner

Sherlock Holmes und der Mitternachtsvampir erschien u.a. in dem Magazin "Science Fiction Media" # 134/April ? Juni 1998, verantwortlich herausgegeben von Thomas Tilsner, und im Journal der deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft Von Herder Airguns Ltd., "The Soft-Nosed Bullet-In" # 25/Herbst 1998, herausgegeben von Michael Ross. Ich mag an der Geschichte das Spiel mit bekannten Mythen sowie die Verquickung von Historie, Krimi und Phantastik.