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Der Drachentöter

Die zwölf goldglänzenden Ritter verblaßten, zerschmolzen in den Strahlen der Morgensonne und waren bald nicht mehr als die bloße Erinnerung an einen schönen Traum. Er träumte diesen Traum gern, nicht nur des Nachts, und jedesmal, wenn er in die Wirklichkeit zurückkehrte, war er enttäuscht. Kein Dutzend strahlender Ritter, die hervorragendsten ihres Reiches, ausgerüstet mit den besten Waffen und den edelsten Rossen, stellte ihm das Geleit. In Wahrheit war er allein, nicht einmal von einem einzigen Diener begleitet. Die Kisten voller Gold und Juwelen, samtener Stoffe und edler Gewürze, existierten nur in seiner Einbildung. Als reicher, angesehener Prinz ritt er in seinen Träumen nach Worms und beschenkte den ganzen Hof so überreich, daß die Burgunden ihn lobpreisten als den Freigebigsten unter den Freigebigen. Nichts davon war wahr, denn der stolze Prinz, Siegfried von Xanten, war ein einsamer, mittelloser Tropf.
Seufzend wälzte er sich von der schmalen, harten Bettstatt und wankte zu dem Bottich mit dem alles andere als sauberen Wasser. Er war nicht der erste, der sich damit wusch. Der Schlafsaal des Gasthauses war überfüllt, und viele seiner Zimmergenossen waren bereits aufgestanden, um nichts von dem heutigen Tag zu versäumen. Siegfried beeilte sich mit dem Waschen. Auch er hatte es eilig, war er doch, wie so viele, anläßlich dieses besonderen Tages nach Worms gereist. Aus der Backstube neben dem Gasthaus drang der verführerische Duft frisch gebackenen Brots, und er spürte seinen leeren Magen. Als er aber seinen schmalen Geldbeutel befühlte, beschloß er, auf ein Frühmal zu verzichten. Mit etwas Glück würde er heute ein prachtvolles Festmahl genießen, ausgerichtet von keinem Geringeren als König Gunther.
Im Stall begrüßte ihn Graufell mit fröhlichem Wiehern. Dem prächtigen Hengst schien das Abenteuer Spaß zu machen. Während Siegfried das Tier aufzäumte und sattelte, dachte er an den Weg von Xanten nach Worms und daran, daß sein Mut und sein Selbstvertrauen geschwunden waren, je näher er dem Ziel gekommen war. Zum wiederholten Mal fragte er sich, ob die Stimme auch nur Einbildung gewesen war, wie ein Tagtraum, der sich in der Nacht verselbständigte und eigenen Gesetzen folgte. Tatsächlich hatte die Stimme stets nachts zu ihm gesprochen. Und doch hatte er geglaubt, nicht zu träumen. Ohne es genauer bestimmen zu können, war er sich sicher gewesen, daß die Stimme wirklich war. ? Gewesen! Seit er Xanten heimlich wie ein Dieb verlassen hatte, war die Stimme verstummt, und seine Zweifel an ihr und an sich selbst waren gewachsen.
?Verliert das Vertrauen nicht, Herr! Die guten Mächte um uns herum stehen uns bei, wenn wir nur an sie glauben.?
Verdutzt hielt Siegfried inne, als er Graufell nach draußen führte. Eine Frau hatte ihn von der Seite angesprochen, mit Worten, als könne sie seine geheimsten Gedanken lesen. Den unzähligen Falten in ihrem Gesicht nach zu urteilen, war die Frau bereits uralt, aber ihre Haltung war aufrecht wie die eines jungen Mädchens, ihre Augen kein bißchen von der Müdigkeit des Alters getrübt. Diese Augen! Siegfried konnte seinen Blick kaum von ihnen abwenden. Ein Strahlen ging von ihnen aus, eine starke innere Kraft, die ihn in ihren Bann schlug. Diese ungewöhnlichen Augen hatte keine bestimmte Farbe, schimmerten in einem Moment golden wie die Ritter seines Traums, im nächsten wirkten sie so schwarz wie die Nacht. Unsinn, sagte er zu sich selbst und zwang sich, den Blick von den unheimlichen Augen abzuwenden.
?Was willst du, Weib?? fragte er, schärfer vielleicht als beabsichtigt. ?Ich habe es eilig!?
Die Frau lachte, hell und klar, und ihre Stimme klang so jugendlich wie die ihrer Enkeltochter, falls sie denn eine hatte. ?Nur gemach, junger Prinz, Ihr werdet rechtzeitig in Gunthers Burg eintreffen.?
Siegfried zog die Brauen zusammen und starrte die Frau zweifelnd an. ?Woher weißt du, daß ich zum Palast will??
?Ganz Worms hat heute dieses Ziel, und jeder Fremdling in der Stadt sowieso.?
?Und woher willst du wissen, daß ich ein Prinz bin??
?Wer sonst als ein Prinz sollte ein so edles Roß und ein so prächtiges Schwert sein eigen nennen??
Die Erklärung klang einleuchtend, aber Siegfrieds Unbehagen angesichts der Frau blieb. Er betrachtete ihr Gesicht, um nach einem Anzeichen von Lüge zu suchen, als er fragte: ?Was hast du mit deiner seltsamen Bemerkung von den guten Mächten gemeint??
?Ihr wirkt verzweifelt, ganz so, als hättet Ihr den rechten Glauben verloren. Ich kenne dieses Gefühl gut, sehr gut sogar. Aber ich weiß, daß nur diejenigen Grund zum Verzweifeln haben, die den Glauben an sich selbst und an die guten Mächte, die sie leiten, verlieren.?
?Woher soll man wissen, ob die guten Mächte bei einem sind??
Die Frau hielt seinem Blick stand und sah ihn eindringlich an. ?Wer glaubt und wer vertraut, braucht nicht zu wissen. Jeder Mensch hat seinen Schutzgeist, und in der Stunde der Not, wird er dem Bedrängten, der an ihn glaubt, beistehen. Daran denkt nur immer, Siegfried von Xanten!?
Er dachte über ihre Worte nach, bis ihm auffiel, daß sie ihn mit seinem Namen angesprochen hatte. Da aber war die Frau schon verschwunden, als hätte sie sich in Luft aufgelöst. Siegfried nahm an, daß sie in den anschwellenden Menschenstrom eingetaucht war, der in Richtung Königsburg flutete. Eine seltsame Begegnung, aber ihm blieb keine Zeit, länger darüber nachzudenken. Er bestieg Graufell und trieb den Hengst mit leisem Zuruf an. Trotz der überfüllten Straßen und Plätze kam er gut voran. Siegfried und sein Roß waren eine eindrucksvolle Erscheinung, vor der das gewöhnliche Volk zurückwich. Vielleicht hatte die alte Frau recht, und man sah ihm den Prinzen wahrhaftig an. Er hoffte es, denn sonst würde er es am Hof von Burgund nicht leicht haben.


?Heute ist der Geburtstag der Prinzessin Kriemhield, ein Tag zum Singen und zum Feiern. Denn es ist kein gewöhnlicher Geburtsag. Von heute an gilt des Königs Schwester nicht länger als Mädchen, sondern als Frau, und Freier aus den mächtigsten Reichen werden um ihre Gunst werben. Nicht nur Kriemhilds edles Geblüt wird die Söhne der mächtigsten Könige anziehen, sondern mehr noch ihre Schönheit, vor der alle Worte verstummen. Seht darum selbst, ihr Edlen, ihr Wormser und ihr Fremden!?
Der Aufrufer trat zur Seite, und die Fanfaren erklangen, während das im großen Burghof zusammengeströmte Volk wie gebannt zu dem riesigen Balkon hinaufsah, auf dem sich König Gunther und seine Brüder eingefunden hatten. Auch Siegfried blickte nach oben und schätzte sich glücklich, sich in letzter Minute, bevor die Wachen den Platz absperrten, durch das große Tor gedrängt zu haben. Obwohl sehr groß, war der Burghof doch bei weitem nicht groß genug, das zahlreich zusammengeströmte Volk aufzunehmen. Die meisten Menschen standen dicht gedrängt draußen vor den Mauern und waren auf das angewiesen, was ihnen zu Ohren kam.
Zwei junge Frauen, beide von ähnlich großer Schönheit, betraten den Balkon. Trotz ihrer anmutigen Züge, ihre prachtvollen Kleider und ihres glänzenden Schmucks wußte Siegfried, daß keine von ihnen Kriemhild war. Kriemhilds Schönheit wurde weit über die Grenzen Burgunds hinaus als unvergleichlich gepriesen. Keine der beiden Frauen war erkennbar schöner als die andere, und so kam weder die eine noch die andere als Prinzessin Kriemhild in Betracht. Eine dritte Frau, jünger noch als die beiden anderen, trat hinzu. Ihre Kleidung und ihr Schmuck waren nicht prachtvoller als bei den beiden Edelfrauen, aber beim Betrachten ihrer reinen, ebenmäßigen Züge wußte Siegfried, daß er die Prinzessin von Burgund vor sich sah. Niemals hatte er in ein vollkommeneres Antlitz geschaut, und der Anblick nahm ihn so gefangen, daß er kaum etwas von den feierlichen Worten mitbekam, die König Gunther sprach. Erst als der Herrscher zum Ende kam, löste sich der Bann ein wenig. Siegfried hörte, wie Gunther alle Menschen in Worms, Edle wie Knechte, Männer wie Frauen, Einheimische wie Fremde, einlud, zur Feier des Tages auf des Königs Kosten zu speisen und zu trinken.
?Wer aber sich von den angereisten Edlen lieber einen klaren Kopf bewahren will?, fügte der König lächelnd hinzu, ?um der Prinzessin Kriemhild seine Werbung anzutragen, der möge in Stundenfrist bei mir und meinen Brüdern vorsprechen!?
Siegfried benötigte keine Stunde, um sich in die Schlange der Werber einzureihen. Unzählige Blicke, neugierig und verwundert, aber auch abschätzig und verächtlich, trafen den einsamen Jüngling, der in einfacher Kleidung und ohne jede Begleitung erschien. Alle anderen waren prächtig aufgeputzt und wurden von Knappen und mit Geschenken beladenen Dienern begleitet. Siegfried hörte stolze Namen, als der Ausrufer den Prinz von Dänemark nannte, den Herzog von Aquitanien oder den Markgrafen von Navarra. Kisten mit Seidengewändern, Elfenbeinkästen mit funkelnden Juwelen und die kunstvollsten Schnitzereien häuften sich vor Kriemhield, die seitlich versetzt hinter ihren Brüdern saß und jedem Bewerber dasselbe freundliche, aber zurückhaltende Nicken zuteil werden ließ. Erst als Siegfried vortrat, mangels Knechten sein Pferd selbst am Zügel haltend, zeigte sie größere Aufmerksamkeit. Neugierig wie auch alle anderen, betrachtete sie ihn, aber ohne jenen Spott, wie er aus den Bemerkungen und Gesichtern vieler Höflinge sprach.
Zögernd, ungläubig wohl, sprach der Ausrufer mit seiner eintönigen, aber weithallenden Stimme: ?Es spricht vor Prinz Siegfried von Xanten, Sohn des Königs Siegmund und der Königin Sieglind!?
Allgemeines Raunen erscholl, und die Verwunderung der Menge wuchs angesichts des Jünglings, der angeblich der Sohn des verfemten Königs Siegmund war. Düstere Jahre lagen hinter dem Königreich der Niederlande, Trauer und Schwermut beherrschten die Burg von Xanten. Erbitterte Kriege hatten das Land verwüstet, und die Wiedergutmachungen, die Siegmund an die siegreichen Feinde zahlen mußte, hatten es verarmt. Schlimmer aber noch waren die Greuel, die man Siegmund und seinen Recken zur Last legte und deretwegen der König der Niederlande bei allen Herrschern auf zehn Jahre als verfemt galt. Niemand mochte glauben, daß Siegmunds Sohn sich unter diesen Umständen nach Worms wagte und sich dann auch noch traute, um die Gunst Kriemhields zu werben. Schon wurden unmutige Rufe unter Siegfrieds Mitbewerbern laut, Forderungen, den Hochstapler vom Burghof zu entfernen.Besonders tat sich dabei Ingwar, der Prinz von Dänemark, hervor, ein breitschultriger Jüngling mit ungewöhnlich hellem Haar und noch hellerer Haut.
?Sollen wir alle uns von diesem dahergelaufenen Betrüger beleidigen lassen?? schimpfte der Däne. ?Wenn dieser Frechling ein Prinz ist, muß jeder armselige Bettler in den Gassen von Worms ein König genannt werden!?
Das war die schwerste Beleidigung, die Siegfried in seinem ganzen Leben gehört hatte. Alle seine guten Vorsätze, ruhig und würdevoll vor Kriemhild zu treten, waren vergessen. Er fuhr zu Ingwar herum, und wie von selbst sprang das Schwert in seine Rechte.
?Mit Worten könnt Ihr kämpfen, Dänenprinz, aber wie sieht es mit der blanken Klinge aus??
?Nichts lieber als das?, erwiderte Inwar mit breitem Grinsen und trat zwei Schritte vor, während auch er sein Schwert aus der Scheide zog.
?Haltet ein!? erscholl ein lauter Ruf, und König Gunthers Bruder Gernot trat vor; er war ein erfahrener Recke, und die Narben vieler Kriegszüge zierten sein kantiges Gesicht. ?Wollt ihr beide Unglück über Worms bringen, indem ihr an Kriemhilds Ehrentag Blut vergießt??
Ingwar deutete mit der linken Hand auf Siegfried. ?Dieser dahergelaufene Kerl hat mich aufs Schwerste beleidigt, edler Gernot. Meine königliche Ehre verlangt auf der Stelle Genugtuung.?
?Ihr habt Eure Zunge auch nicht gerade im Zaum gehalten?, rügte Gernot den Dänen. ?Der Prinz der Niederlande hatte wohl Grund, erzürnt zu sein.?
?Ihr glaubt dem Wichtigtuer, daß er Siegfried von Xanten ist??
Gernot nickte. ?Habt Ihr nicht sein stolzes Roß bemerkt, ein Tier, wie es nur die Edelsten reiten? Und dann sein Schwert hier, eine äußerlich nicht so prächtige Waffe wie Eure rubinbesetzte Klinge. Aber ich kenne mich mit Schwertern aus, und ich verwette meine Schatztruhe darauf, daß dieses Stück von Reinhold, dem besten Waffenschmied der Niederlande, gefertigt wurde. Nur die Edelsten in König Siegmunds Reich führen Waffen aus Reinholds Schmiede.?
?Ihr sprecht wahr?, sagte Siegfried. ?Mein Vater Siegmund schenkte mir die Waffe zu meiner Schwertleite, und Reinhold sagte, es sei die beste Klinge, die er je geschmiedet hat.?
?Prinz oder nicht Prinz, das ist mir einerlei?, stieß der noch immer zürnende Däne hervor. ?Ich verlange auf der Stelle Genugtuung!?
Gernot wechselte kurze Blicke mit seinen Brüdern Gunther und Giselher, bevor er sagte: ?Nun gut, meßt eure Kräfte, wenn ihr nicht anders könnt. Aber an diesem Tag wird kein Blut vergossen. Legt also eure edlen Schwerter beiseite und zeigt, daß ihr auch ohne Waffen heldenhaft zu kämpfen versteht!?
Wenig später standen sich Siegfried und Ingwar waffenlos und mit entblößten Leibern gegenüber und belauerten einander, beoabachtet von hunderten gebannter Menschen. Ingwar war muskulös und kräftig, keine Frage, doch der eher sehnige Siegfried glaubte, in seinen Bewegungen eine gewisse Behäbigkeit zu erkennen. Ganz so, als benötigten die Muskeln Zeit, um das auszuführen, was der Kopf ihnen befahl. Als der Däne angriff, machte sich Siegfried das zunutze, indem er geschickt auswich, einmal, zweimal, dreimal.
Der immer wieder ins Leere laufende Dänenprinz keuchte mit wütender Stimme: ?Wollt Ihr kämpfen oder davonlaufen, angeblicher Prinz von Xanten??
?Der einzige, der hier läuft, seid Ihr?, antwortete Siegfried betont ruhig. ?Ich frage mich nur die ganze Zeit wohin.?
Gelächter brandete auf, und diesmal galt der allgemeine Spott dem Dänen. Der setzte zu seinem weiteren Angriff an und stürmte, gleich einem wütenden Stier, auf den Xantener zu. Der wich diesmal nur zum Schein aus. In Wahrheit war seine Bewegung eine geschickte Drehung, mit der er sich in Ingwars Rücken brachte. Er packte den überraschten Dänen von hinten und warf ihn bäuchlings zu Boden. Siegfried setzte sich auf ihn und hielt ihn, allen Ausbruchsversuchen zum Trotz, am Boden nieder.
Gernot trat vor und rief Siegfried unter dem Beifall der Menge zum Sieger des Kampfes aus. Der Spott der Menschen war in Begeisterung umgeschlagen, und der Beifall verstärkte sich noch, als Siegfried sich erhob.
Ingwars Diener wollten dem Geschlagenen beim Aufstehen helfen, aber er stieß sie brüsk zu Seite. Nur von einem Mann ließ er sich helfen, einem Edlen aus Gunthers Gefolge. Es war ein Hüne von düsterer Ausstrahlung, wozu eine schwarze Augenklappe nicht unerheblich beitrug. Vielleicht lag es nur an dem grimmigen Aussehen des Recken, aber Siegfried war, als werfe der ihm finstere, drohende Blicke zu.


Der Hof zu Worms behandelte Siegfried mit allen erdenklichen Ehrbezeugungen. Man stellte Graufell im königlichen Marstall ein und gab dem Prinz von Xanten ein großes, prächtiges Gemach in der Königsburg. Gehorsame Diener standen zu seiner Verfügung, wann immer er es wünschte. Er hatte sein Ziel erreicht, und doch war er darüber nicht glücklich. Der Kampf gegen Ingwar, obgleich ein Sieg, erschien ihm im Nachhinein wenig würdevoll. Wie zwei hitzköpfige Bauernburschen hatten sie sich geprügelt. Siegfried glaubte nicht, daß dieser Auftritt in Kriemhilds Augen Gefallen fand.
Diener brachten ihm prächtige Gewänder, in die er nach einem heißen Bad schlüpfte, und dann ging er zum großen Bankett in den mit Blumen und Girlanden geschmückten Festsaal. Wieder zog er die Blicke der Versammelten auf sich, aber diesmal war es nur Neugier, kein Hohn und kein Spott. Man wies ihm einen Platz zwischen den Brüdern Gernot und Giselher an, ganz so, als sollte er vor weiteren Streitigkeiten beschirmt werden. Ingwar warf ihm finstere Blicke zu, wenn der Däne nicht zu Kriemhild hinübersah oder sich mit dem neben ihm sitzenden Einäugigen unterhielt.
Gernot mußte Siegfrieds Interesse für den Mann mit der Augenklappe aufgefallen sein, denn er sagte, ohne daß der Xantener eine Frage gestellt hatte: ?Das ist Hagen von Tronje, einer unserer größten Recken und der Pate des Dänenprinzen. Freund Hagen ist ein wenig enttäuscht über das Unterliegen seines Patensohns. Wundert Euch also nicht, Prinz der Niederlande, wenn er Euch nicht mit dem größten Wohlwollen gegenübertritt!?
?Sein Wohlwollen ist mir gleich?, anwortete Siegfried nur und meinte es, wie er es sagte. Viel mehr war ihm an Kriemhilds Wohlwollen gelegen, an ihrer Gunst. Aber sein Platz war so unglücklich gewählt, daß er sie kaum sehen, geschweige denn Blicke oder Worte mit ihr wechseln konnte.
Noch am späten Abend, als er wieder auf seinem Zimmer war, überlegte er, ob eine Absicht dahinter steckte. Wollte König Gunther den Sohn des verfemten Königs Siegmund auf diese Weise von seiner Schwester fernhalten?
Ein leises Klopfen schreckte ihn aus seinen Gedanken, und eine Frau mit verhülltem Antlitz stand vor seiner Tür. ?Meine Herrin Kriemhild schickt mich mit einer Botschaft zu Euch, Prinz Siegfried?, flüsterte sie. ?Laßt Ihr mich eintreten??
Mit einladender Geste ließ er die Dienerin herein und schloß die Tür hinter ihr. ?Eine Boschaft der Prinzessin Kriemhild?? fragte er verwundert. ?Was läßt Eure hohe Herrin mir mitteilen??
?Sie will Euch wissen lassen, daß sie sehr beeindruckt ist von Eurem Mut?, sagte die Frau und ließ den Schleier fallen.
Verblüfft starrte Siegfried in das schöne Antlitz Kriemhilds und brachte endlich hervor: ?Ihr ... seid mir nicht böse??
?Böse? Aber weshalb??
?Mein Auftritt heute morgen war Euch und dem Anlaß dieses Tages nicht würdig. Vermutlich habe ich Euch zutiefst beschämt. Aber die Art Prinz Ingwars versetzte mich in Aufruhr. Ich hätte seine Herausforderung nicht annehmen dürfen. Daß Ihr meinen Mut preist, ehrt Euch, denn Ihr hättet wahrhaftig Grund genug, um mich zu tadeln.?
?Ich sprach nicht von dem Zweikampf. Da habt Ihr Geschick und Kraft bewiesen. Ich sprach davon, daß Ihr überhaupt nach Worms gekommen seid. Es muß Eure Eltern große Überwindung gekostet haben, Euch gehen zu lassen. Seid bitte nicht gram, wenn ich davon spreche, aber natürlich weiß ich, welchen Ruf König Siegmund und Königin Sieglind überall genießen.?
?Sie haben mich nicht gehen lassen. Sie sagten, über den Niederlanden und dem Xantener Königsgeschlecht liege ein Fluch, und bis der nicht von uns genommen sei, habe kein niederländischer Edler das Recht, um Euch oder eine andere Prinzessin zu freien.?
?Dann seid Ihr gegen den Willen Eurer Eltern hier??
?Sagen wir lieber, ohne ihr Wissen.?
?Deshalb also seid ihr ganz allein gekommen, ohne Dienerschaft und ohne Troß. Das erhöht noch meine Achtung vor Eurem Mut.?
?Ich war nicht ganz allein?, gestand Siegfried. ?Jemand sprach mir Trost und Mut zu.?
?Wer??
?Das möchte ich selbst gern wissen. Ich hörte nur eine Stimme, die nachts zu mir sprach. Sie rühmte die Schönheit der Prinzessin Kriemhild und riet mir, nach Worms zu reiten und Euch zu freien. Ich würde damit nicht nur mein Glück machen, sondern durch eine Heirat mit Euch auch mein Land aus seinem Bann befreien.?
?Ein weiser Rat?, fand Kriemhild. ?Sprach ein Mann zu Euch, oder war es eine Frau??
?Selbst das vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht war es nicht einmal die Stimme eines Menschen. Aber wer immer zu mir sprach, meinte es gut mit mir. Das spürte ich deutlich. Wenn die Stimme erklang, fühlte ich mich geborgen und voller Vertrauen.? Er seufzte. ?Leider hat die Stimme nicht mehr zu mir gesprochen, seit ich Xanten verließ.?
?Ihr habt Euer Ziel auch so erreicht.?
?Noch nicht ganz. Mein Ziel ist es, Euch als meine Braut vor den Altar zu führen.?
?Dann strengt Euch an!? sagte sie augenzwinkernd und verhüllte ihr Gesicht wieder. ?Jetzt muß ich gehen. Wenn mich hier jemand findet, kann das übel enden.? Schon in der Tür, blieb sie stehen und wandte sich noch einmal zu ihm um. ?Ein Wort noch: Nehmt Euch in acht vor Hagen von Tronje!?


Hagen von Tronje betrat Siegfrieds Gemach, kaum daß die ersten Sonnenstrahlen durch den Dunst des Morgendämmers stachen. Als Siegfried den Einäugigen erkannte, schnellte er aus dem Bett und hatte mit einem Griff sein bereitliegendes Schwert erhoben, daß er gegen den Tronjer richtete.
?Ihr seid schnell, sehr schnell sogar?, sagte Hagen, und Bewunderung schwang in seinen Worten mit. ?Das habe ich schon bei Eurem Kampf gegen Ingwar bemerkt. Gut ist das, sehr gut sogar!?
?Warum? Wovon sprecht Ihr? Was wollt Ihr von mir?? fragte ein halbnackter, verwirrter Siegfried.
?Ich möchte Euch zu einem Ausritt einladen.?
?Jetzt, am frühen Morgen??
?Gerade jetzt. Diese Zeit ist die beste für unser Vorhaben.?
?Ich weiß nichts von einem Vorhaben.?
?Begleitet mich, bitte! Es ist nur zu Eurem Vorteil. Ich will Euch einen Weg zeigen, wie Ihr nicht nur Kriemhilds Gunst, sondern auch die ihres Bruders Gunther gewinnen könnt. Der König ist nämlich nicht sonderlich angetan von der Aussicht, seine Schwester mit einem mittellosen und verfemten Niederländer zu vermählen.?
?Und ausgerechnet Ihr wollt mir helfen, Hagen von Tronje? Ihr seid doch der Pate Ingwars. Der Prinz von Dänemark sollte der Edle sein, dem Eure Hilfe gilt.?
?Bis gestern war es so. Aber ich habe die ganze Nacht über nachgedacht und bin zu dem Schluß gekommen, daß Ihr der beste Mann seid.?
?Der beste Mann? Wofür??
?Um Burgund eine Hoffnung zu geben. Frieden liegt über dem Land, aber das täuscht. Burgunds Reichtum lockt viele Neider, und Krieg droht am Horizont, wird so unweigerlich über uns kommen, wie die Morgensonne bald die Schleier der dunklen Nacht zerschnitten haben wird. Auch der Schlimmste aller möglichen Feinde, König Etzel mit seinen wilden Horden, wird eines nicht mehr gar so fernen Tages an die Tore Burgunds klopfen. Dann müssen wir gewappnet sein, mit einem starken Heer, angeführt vom besten aller Recken ? von Euch!?
?Ihr kennt mich kaum.?
?Gut genug, um Euch einschätzen zu können. Stark sind viele Männer. Ingwar ist stark, und ich bin es auch. Doch nie zuvor sah ich einen Recken von solcher Gewandtheit und Schnelligkeit. Das hat Euch den Sieg beschert, und es wird Euch den Sieg über jeden anderen Gegner bescheren. Ich bitte Euch noch einmal, begleitet mich!?
Siegfried wußte später nicht genau zu sagen, warum er Hagens Drängen nachgab. Vielleicht war es nur die unsichere Hoffnung, tatsächlich die Gunst Kriemhilds und ihres königlichen Bruders zu erringen. Sicher hatte Hagen mit der Bemerkung recht, daß eine Heirat zwischen Siegfried und Kriemhild dem Burgundenkönig wenig verlockend erschien. Also ritt Siegfried mit Hagen durch den tiefen Wald, der Worms umschloß, immer darauf bedacht, sich ein Stück hinter dem Tronjer zu halten. Sollte Hagen ihn in eine Falle locken, wollte Siegfried wenigstens die Möglichkeit haben, ihn seinen Stahl kosten zu lassen. Einmal lächelte der sonst so ernste Hagen ihn an, als habe er Siegfrieds Absicht längst erraten.
Die Sonne mußte schon ein gutes Stück höhergeklettert sein, aber im dichten Wald herrschte ein ständiges Zwielicht, und die alten, hohen Bäume erschienen Siegfried wie Riesen aus grauer Vorzeit, die hier Zuflucht gefunden hatten. Als er, um das eintönige Schweigen zu brechen, seinen Gedanken laut aussprach, lachte Hagen zu seiner Verwunderung.
?Ihr ahnt nicht, wie ihr mit Eurer Vermutung die Wahrheit trefft, Prinz von Xanten. Im übrigen sollten wir jetzt absteigen und das letzte Stück zu Fuß gehen. Mit den Pferden wären wir zu laut.?
Sie banden die Tiere an einen Baum, und Siegfried folgte Hagen auf einem verschlungenen Waldpfad. Bald gelangten sie in ein Waldstück, das Spuren der Verwüstung zeigte: ausgerissene Bäume und zertrampeltes Buschwerk. Als Siegfried sich nach dem Grund dafür erkundigen wollte, ermahnte Hagen ihn zur Geduld. Sie versteckten sich am Waldrand in einem natürlichen Unterschlupf aus Felsen, umgestürzten Bäumen und wucherndem Farn.
?Seid leise jetzt und wartet ab!? flüsterte Hagen.
?Worauf soll ich warten??
?Auf Euren Riesen aus grauer Vorzeit.?
Die Antwort verwirrte Siegfried nur noch mehr. Er übte sich in Geduld, und die wurde nach einer halben Stunde belohnt. Stampfende Geräusche erschollen, wie schwere Schritte. Der Xantener fühlte die Anspannung in jedem Muskel und blickte wie gebannt in die Richtung, aus der die seltsamen Geräusche kamen. Ein großer Schatten schob sich in ihr Blickfeld und näherte sich schnell, viel zu groß eigentlich für jedes lebende Wesen. Jetzt erkannte Siegfried Einzelheiten: ein gigantischer Leib, bedeckt mit dicken Schuppen, die in einer eigentümlichen Mischung aus Grün und Grau schillerten; ein spitz zulaufender Kopf und ein langer Schwanz. Das Wesen wirkte wie eine ins Unermeßliche gewachsene Echse und maß vom Kopf bis zum Schwanzende wohl die Länge von vier oder fünf Männern. Die Schritte der vier kurzen, kräftigen Beine wirkten nur auf den ersten Blick unbeholfen. Siegfried erkannte, daß das Wesen durchaus gewandt war und schnell vorankam.
Als es auf ihrer Höhe war, hielt er den Atem an und regte sich nicht. Das Wesen blieb stehen und wandte den Kopf zum Versteck der beiden Männer. Fast glaubte Siegfried, den Blick der großen Augen, die ihre Farbe immer wieder zu ändern schienen, mal golden schimmerten und dann wieder dunkel wirkten, auf sich zu spüren. Instinktiv tastete seine Rechte zum Schwertknauf. Das Wesen aber wandte den Kopf wieder um und setzte seinen Weg fort, um hinter der nächsten Biegung zu verschwinden.
?Was ... was war das?? fragte Siegfried, noch immer flüsternd.
?Wonach sah es Eurer Meinung nach aus?? entgegnete Hagen, während er den Xantener eingehend musterte.
?Nach einem leibhaftigen Drachen!?
Hagen nickte zufrieden. ?Habt Ihr nicht daran geglaubt, daß es Drachen gibt??
?Ich wußte nicht, daß es noch so große Exemplare gibt. Mein Vater hat einmal gegen eine Brut giftiger Lindwürmer gekämpft, Aber keine der Bestien war größer als ein Mann.?
?Vielleicht ist dieser Drache einer der letzten seiner Art, vielleicht sogar der letzte. Gewiß ist er nicht leicht zu töten, aber einem Recken wie Euch kann es wohl gelingen.?
?Warum wollt Ihr den Drachen tot sehen, Edler von Tronje??
?Dieser ganze Wald wird von den Menschen gemieden. Sie fürchten den Drachen, obwohl nur die wenigsten das Untier je zu Gesicht bekommen haben. Er ist ein Eindringling in Gunthers Reich!?
?Es heißt, die Drachen seien sehr alt. Vielleicht lebt er viel länger hier als die Burgunden.?
?Jetzt aber ist es das Land der Burgunden. Wollt Ihr es von dem Drachen befreien? König Gunthers Gunst und die seiner Schwester Kriemhild wären Euch gewiß. Außerdem heißt es, ein Bad im Blut des Drachen mache einen Mann unverwundbar. Ihr wäret dann wahrhaft unbezwinglich!?
?Eine schwierige Aufgabe?, sagte Siegfried und überlegte. ?Die Schuppen auf dem Drachenleib sahen hart und fest aus, unmöglich mit einer Klinge zu durchdringen.?
?Ich habe das Untier, das morgens und abends diesen Weg zu einem nahen See nimmt, schon oft beobachtet und weiß, daß es am Bauch keine schützenden Schuppen hat. Dort könnt Ihr es treffen. Man muß dazu nur sehr schnell und gewandt sein, genau die Vorzüge, die Euch auszeichnen.?


Drei Tage später lag Siegfried rücklings in der von ihm ausgehobenen Grube und wartete auf das Erscheinen des Drachens. Er hatte die Grube, die mitten im Weg des Drachen lag, mit Ästen und Zweigen abgedacht. Je länger er über die von Hagen gestellte Aufgabe nachgedacht hatte, desto mehr hatte sich in ihm die Erkenntnis verfestigt, daß Schnelligkeit allein nicht ausreichte, um das große Ungetüm zu bezwingen. Es bedurfte einer List.
Siefried fror. Der lehmige Boden um ihn herum war kalt, wäre es selbst dann gewesen, wenn die Sonne hoch am Himmel gestanden hätte anstatt sich gerade erst zaghaft über dem Burgundenreich zu erheben. Und Siegfried fror auch, weil er vollkommen nackt war. Seine Kleider hatte er auf der kleinen Lichtung zurückgelassen, wo der treue Graufell auf ihn wartete.
Er dachte an Hagen von Tronje und fragte sich zum wiederholten Mal, ob es der Einäugige ehrlich mit ihm meinte. Vielleicht spielte der finstere Hagen ein doppeltes Spiel, eins, bei dem er nur gewinnen konnte. Überlebte Siegfried die Begegnung mit dem Drachen nicht, so hatte Hagen seinem Patensohn Ingwar einen Rivalen um Kriemhilds Gunst vom Hals geschafft. Blieb Siegfried aber siegreich, hatte Hagen in ihm den ersehnten Recken zum Kampf gegen die Feinde Burgunds gefunden. Je länger Siegfried nachsann, desto mehr glaubte er, daß so oder ähnlich die Überlegung des Tronjers war.
Ein leises, kaum merkliches Zittern des Bodens ließ ihn zusammenfahren. An einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit hätte er nicht weiter darauf geachtet, aber jetzt schärfte dieses Zittern seine Sinne. Wieder erzitterte der Boden, schon etwas stärker, und wieder. Kein Zweifel, der Drache näherte sich auf seinem allmorgendlichen Weg zum See. Siegfrieds Herz klopfte, raste, aber er zwang sich, ruhig durchzuatmen. Mit beiden Händen hielt er sein Schwert, die Klingenspitze steil nach oben gerichtet, und wartete.
Bald hörte er die Schritte das Drachen, und dann war ein Schatten über ihm, fing ein riesiger Körper das wenige Licht auf, das durch die Ritzen der Äste und Zweige in die Grube fiel. Siegfried bäumte sich auf und stieß das Schwert mit aller Kraft nach oben. Die Klinge durchstieß die Grubenabdeckung und fuhr in den Leib des Drachen. Hagen hatte recht gehabt, am Bauch hatte das Untier keine Schuppen. Der Drache fiel zur Seite, und fast hätte die Kraft dieser Bewegung Siegfried das Schwert aus den Händen gerissen. Im letzten Augenblick hielt er die Waffe fest und kletterte behende aus der Grube.
Der Drache lag auf der Seite, und seine Beine zuckten krampfartig. Dunkles, fast schwarzes Blut floß aus der klaffenden Bauchwunde. Seltsam, dachte Siegfried, das Untier wirkte hilflos wie ein auf den Rücken gefallener Maikäfer. Er hatte sich das Ganze schwerer vorgestellt, gefährlicher.
Noch einmal stieß er zu, und diesmal fuhr die Klinge bis zur Parierstange in den Leib des Drachen. Ein gequälter Laut drang aus dem Drachenmaul, fast klang es wie der Schmerzensschrei eines Menschen. Für einen Augenblick war Siegfried sich unsicher, ob er den Schrei mit den Ohren gehört hatte oder ob der Laut geradewegs in seinem Kopf erklungen war. Aber schon verstummte der Drache und lag still, kraftlos, leblos. Nur sein Blut floß, sprudelte geradezu aus den beiden Wunden und ergoß sich in die Grube. Der nackte Siegfried stieg wieder in das Erdloch und badete in dem warmen Naß, um seinen Leib gegen jede Wunde zu feien. Sorgsam achtete er darauf, jede Stelle seiner Haut mit dem Drachenblut zu waschen. Erst später, als er auf der Lichtung anlangte, wo ihn sein Roß und seine Kleider erwarteten, bemerkte er ein großes Lindenblatt zwischen seinen Schulterblättern.


Im Dom zu Worms läuteten die Glocken, und ihr Lied kündete der ganzen Stadt von der Trauung, die Prinzessin Kriemhild auf ewig mit Prinz Siegfried von Xanten verband. Begeisterter Jubel empfing das Hand in Hand aus dem großen Portal der Kathedrale tretende Brautpaar, und die frisch Vermählten winkten lächelnd in die Menge. Dann aber verharrte Siegfried, als er ein faltiges Gesicht mit seltsam eindringlichen Augen erblickte. Diese Augen, von unbestimmbarer Farbe, waren fest auf ihn gerichtet. Es war wie ein Bann, der ihn zu der alten Frau hinzog.
?Ich kenne dich?, sagte er und kramte in seinen Erinnerungen.
?Wir sprachen uns an dem Tag, an dem Ihr nach Worms gekommen seid?, erinnerte ihn die Frau. ?Viel ist seitdem geschehen, und vergeblich wartet Ihr jede Nacht auf die Stimme, die Euch den rechten Weg gewiesen hat.?
?Woher weißt du ...?
Mit einer Geste, als sei sie die Gebieterin und er der Knecht, schnitt sie ihm das Wort ab. ?Ich bin gekommen, um Euch zu sagen, daß Ihr vergeblich auf die Stimme wartet. Nie wieder wird sie zu Euch sprechen, denn Ihr selbst habt sie zum Schweigen gebracht.?
?Ich? Davon weiß ich nichts.?
?So habt Ihr nicht das uralte Wesen getötet, den Freund aller guten Menschen, das voller Weisheit und Güte war und ganz zurückgezogen im tiefen Wald lebte, weil es die Bosheit und Mißgunst der Menschen fürchtete? Es ist der ewige Fluch des Menschen, das zu vernichten, was er braucht, und es dann zu bejammern, wenn es zu spät ist.?
?Das uralte Wesen?? Siegfried dachte an den Kampf mit dem Drachen, und Schwindel ergriff ihn. Für einen Augenblick war ihm schwarz vor Augen. Als er wieder klar sehen konnte, war die alte Frau verschwunden.
Diener eilten herbei und stüzten ihn. Eine besorgte Kriemhild trat an seine Seite und erkundigte sich nach seinem Befinden.
?Mir geht es gut?, sagte er mit leicht zitternder Stimme. ?Das Gerede dieser alten Frau hat mich nur etwas verwirrt.?
?Von wem sprichst du?? fragte Kriemhild. ?Ich habe keine alte Frau bei dir gesehen. Geht es dir wirklich gut??
?Ich fühle mich wohl?, versicherte Siegfried, aber es stimmte nicht.
In ihm war eine seltsame Leere, als hätte ihm jemand das Herz aus dem Leib gerissen. Obwohl die geliebte Kriemhild an seiner Seite stand, fühlte er sich schrecklich einsam. Verzweifelt suchte er nach der alten Frau, aber vergebens. Sein Blick blieb an Hagen von Tronje haften, dessen einziges Auge wiederum auf ihn gerichtet war. Und zu der trostlosen Leere in Siegfried gesellte sich ein plötzlicher brennender Schmerz zwischen seinen Schultern.

Š 2002 by Jörg Kastner

Die Erzählung erschien erstmals 2002 bei Knaur in der von Michael Nagula herausgegebenen Anthologie Feueratem ? Das große Drachen-Lesebuch. Sie beschäftigt sich, wie auch mein Roman Das Runenschwert, mit dem Siegfried-Mythos und wird vielleicht eines Tages Bestandteil eines weiteren Siegfried-Romans sein.

  

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