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Die Steinprinzessin (Werkstattbericht)

Ein Werkstattbericht von Jörg und Corinna Kastner
Eine Welt aus Stein

Gestalten aus einer anderen Welt, fremdartig, geheimnisvoll, bedrohlich, in Stein gemeißelt und doch höchst lebendig - diesen Eindruck vermittelten sie auf einem Zeitungsfoto, das den Bericht über einen Steinmetz begleitete. Der widmete seine Arbeit weder Grabsteinen noch Gedenktafeln, sondern fantastischen Kreaturen, die geradewegs den Romanen von J. R. R. Tolkien oder Michael Ende entsprungen sein könnten. Es war nur ein Schwarzweißfoto in der dürftigen Qualität von Tageszeitungspapier, aber die Steinwesen übten eine ungewöhnliche Faszination aus - und wie herbeigezaubert formierte sich die Idee, einen Roman über eine versteinerte Welt zu schreiben - oder über eine Welt aus Stein. Zu dem Zeitpunkt ahnte niemand, dass dieser Roman unsere erste literarische Gemeinschaftsproduktion werden sollte.

Wie das Autoren-Team entstand

Wie man im Klappentext zu unserem Roman Die Steinprinzessin nachlesen kann, lernten wir uns vor mittlerweile vierzehn Jahren durch die deutsche Sherlock Holmes Gesellschaft ?Von Herder Airguns, Ltd.? kennen ? unsere erste Begegnung hatte also durchaus etwas mit Fantastik zu tun. Conan Doyle hätte vielleicht sogar gesagt: mit Übersinnlichem, denn der Schöpfer von Sherlock Holmes war ja allem Esoterischem sehr zugeneigt. Ganz so weit, unser Kennenlernen als übersinnliches oder gar fantastisches Ereignis zu bezeichnen, wollen wir nicht gehen. Nennen wir es einfach Schicksal... Jedenfalls sollten der Meisterdetektiv und die Fantasie nicht die einzigen gemeinsamen Interessen bleiben. Das Schreiben ist eine weitere Leidenschaft, die wir teilen.

Die eine Hälfte unseres Schreibteams, nämlich Jörg, machte daraus sogar einen ?richtigen? Beruf, von dem man leben kann - auch wenn das immer mal wieder von neuen Bekannten, Journalisten und zuweilen gar von der entfernteren Familie angezweifelt wird. Jörg jedenfalls kann inzwischen auf eine stattliche Anzahl von Romanen zurückblicken. Ob seine Hommage an den großen Victor Hugo, der Mittelalterroman Im Schatten von Notre-Dame, ob der Vatikan-Thriller Der Engelspapst oder ob Mozartzauber - all diese Romane enthalten, obwohl nicht unmittelbar einem der fantastischen Genres zuzuordnen, mehr oder minder starke fantastische Elemente. In seiner fünfbändigen Saga um die Auseinandersetzungen zwischen Germanen und Römern, beginnend mit Thorag oder Die Rückkehr des Germanen und endend mit Arminius ? Fürst der Germanen, wurden Elemente der süd- und nordgermanischen Mythologie mit der historischen Handlung verwoben. Das Gleiche gilt für Das Runenschwert, erschienen innerhalb der von Kai Meyer und Reinhard Rohn konzipierten Romanreihe Die Nibelungen. Einen Schritt in Richtung reine Fantasy tat Jörg mit seinem ersten Roman für den Ueberreuter Verlag, Die Nebelkinder.

Der andere Teil unseres literarischen Duos, also Corinna, geht hauptsächlich einem ?vernünftigen? und gar nicht fantastischen, sondern eher nüchternen und sehr geregelten Beruf im öffentlichen Dienst nach. (Wir wollen das hier nicht ?langweilig? nennen, schließlich kann man nie wissen, ob dieser Text nicht von dunklen Mächten an entsprechende Stellen weitergeleitet wird.) Das verlangt natürlich nach einem gewissen Ausgleich, nach einer Welt der Fantasie.

Der gar nicht steinige Weg zur Steinprinzessin

Was lag also näher, als das Vergnügen mit dem Praktischen zu verbinden? Trotzdem begann unsere Zusammenarbeit eher zufällig - wenn man denn gewillt ist, an Zufälle zu glauben. Wir nannten es ja schon mal Schicksal. Über einem ausgezeichneten und sehr ?oberweltlichen? Essen bei unserem Lieblingsgriechen kam das Gespräch auf das nächste anstehende Projekt für den Ueberreuter Verlag. Der Titel, inspiriert durch das oben erwähnte Zeitungsfoto, stand schon fest - aber sonst noch nicht allzu viel. Über den sich langsam leerenden Teller spann sich eine Idee an die nächste. Und irgendwann dann die, doch das Buch tatsächlich gemeinsam zu schreiben. Der Verlag war mit dem Experiment einverstanden, und wir machten uns an die Arbeit. Die zunächst eher so dahin geworfenen Einfälle um Pierre und seine geheimnisvolle Mutter, die Steinprinzessin, reiften heran, wurden immer mehr zu einem Gerüst für eine Story. Bis wir irgendwann vor der Frage standen, wie wir denn nun eigentlich praktisch ans Schreiben gehen sollten. Kapitel für Kapitel abwechselnd? Sollte einer die Geschichte auf der Oberwelt, der andere die in der Steinwelt schreiben? Wir einigten uns auf eine dritte Möglichkeit: Die ganze Geschichte sollte sozusagen ?aus einem Guss? sein.

Deshalb sollte auch nur einer zur selben Zeit an Pierres Abenteuern arbeiten, die mit der Beerdigung seiner Mutter ihren Lauf nehmen. Dort nämlich begegnet er jenem mysteriösen Mann, der ihm erzählt, dass Sylvie alias Emeraude gar nicht wirklich tot ist, sondern von den Steinbrechern unter der Erde gefangen gehalten wird. Als wäre das nicht schon unglaublich genug, muss Pierre außerdem verkraften, dass seine Mutter vor vielen Jahren als Steinprinzessin über die Steinwelt herrschen sollte. Doch die Begegnung mit Pierres Vater, einem Mann von unserer Welt, die von den Steinmenschen ?Oberwelt? genannt wird, bringt sie davon ab, obwohl sie weiß, dass ein Steinmensch auf der Oberwelt nicht sehr lange überleben kann. Will sie nicht endgültig sterben, ist sie gezwungen, durch das ?Tor? die Steinwelt wieder zu betreten - doch damit gerät sie in die Hände der Feinde der Steinmenschen: der Steinbrecher. Pierre allein kann es gelingen, die Steinprinzessin aus den Klauen der Steinbrecher zu befreien. Er macht sich auf zum größten Abenteuer seines Lebens, in dem es nicht nur darum geht, Emeraude zu retten, sondern auch die Steinwelt vor dem Untergang zu bewahren.

Mit jeder abwechselnden Überarbeitung wurde die Story immer weiter ausgebaut und verfeinert, Charaktere gewannen an Charakter, überraschende Wendungen überraschten uns selbst, wenn uns plötzlich eine Idee besser gefiel als die ursprüngliche. Bestimmt ist vielen Lesern die Parallele der Geschichte der Steinwelt mit der Geschichte der beiden deutschen Staaten aufgefallen. Das zeigt vielleicht am deutlichsten, wie unvorhergesehen manche Dinge einem Autor einfach ?passieren?, weil nichts dergleichen irgendwann geplant war. Die Parallelen entwickelten sich von selbst. Nennen wir es Schicksal.

Wovon sich Autoren so inspirieren lassen

Steine als Inspirationsquelle? Das ist wohl kaum verwunderlich bei einem Roman, der Die Steinprinzessin heißt und in einer Steinwelt spielt. Steine haben einfach etwas Faszinierendes. Es gab sie seit Anbeginn der Zeiten, nicht umsonst heißt es ?steinalt?. Viele Menschen werden schon einmal erlebt haben, dass beim Betrachten eines sonderbar geformten Steins dieser plötzlich zu leben beginnt, die Gestalt eines Berges oder eines Drachens annimmt, zum Bestandteil oder gar Auslöser einer ganz eigenen Geschichte wird. Man muss ihm nur zuhören, seine Form betrachten, ihn berühren, seine Rauheit oder Glätte wahrnehmen, das Licht in ihm reflektieren sehen, Wärme oder Kälte spüren. Steine erzählen eine Menge, und auch wenn man nicht alles wirklich verstehen kann, sie verleihen der Fantasie Flügel.

Bei einer Lesung sind wir mal gefragt worden, warum denn Die Steinprinzessin unbedingt in Frankreich spielt. Darauf gibt es zwei Antworten: Die Namen klingen einfach schöner auf Französisch. Wer möchte schon ?Kalk? genannt werden, wenn er doch viel hübscher ?Calcaire? heißen kann? Außerdem birgt gerade die gerade die keltische Kultur, die ja nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Frankreich beheimatet ist, jede Menge Geheimnisse. Wir haben uns sehr inspirieren lassen von einigen der geheimnisvollsten und ältesten Zeugnisse dieser Kultur: Menhire, Dolmen und manchmal ganze Steinlandschaften auf unserer Lieblingsinsel Guernsey. Die Kanalinseln sind zwar eigentlich britisch, liegen aber derart dicht an Frankreich im Golf von Saint Malo, dass sie in einzigartiger Weise die englische und die französische Kultur vereinen. Sie sind geheimnisvoll mit ihren Klippen und weiten Stränden, dem Nebel, der unvermittelt über das Land ziehen kann, mit ihren jahrtausendealten Hügel- und Ganggräbern, mit Höhlenzeichnungen von rätselhaften Jägern und Steinkreisen, von denen niemand mehr weiß, was sie einst bedeutet haben.

Neues aus der Steinwelt?

Für Pierre war klar: ?Es gab keine andere Welt. Erst reht keine, die unter ihm lag. Da war nichts. Nur das Erdinnere, und dort gab es kein Leben.? Doch dann plötzlich ist er mittendrin in diesem angeblichen Nichts und erlebt Abenteuer in der Steinwelt, die er sich nie hätte träumen lassen. Er sieht Dinge und lernt Menschen kennen, die so ganz anders und doch wieder gar nicht so anders sind als die Menschen der Oberwelt. Und er löst das Rätsel um seine Mutter, aber noch nicht das der Steinwelt. Sollten also die Leser mehr darüber wissen wollen - es gäbe noch viel zu erzählen. Niemand weiß z. B., woher die Steinmenschen wirklich kamen. Oder doch? Vielleicht ist die Lösung irgendwo im Tor zwischen Ober- und Steinwelt zu finden. Vielleicht gelingt es Pierre eines Tages, der Vergangenheit auf die Spur zu kommen. Vielleicht entdeckt er die Ursprünge der ersten Steinmenschen. Und wer weiß - möglicherweise liegen sie irgendwo auf einer geheimnisvollen rauen und schönen Kanalinsel im Golfstrom...

Š 2002 by Jörg Kastner & Corinna Kastner

Dieser Beitrag erschien erstmals in dem Magazin Nautilus ? Abenteuer & Phantastik # 17 (Dezember/Februar 2002/03), herausgegeben von Jürgen Pirner.

  

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